Was ist Gewaltfreie Kommunikation?

Stell dir dein Leben in fünf Jahren vor. Du lebst, was dir wirklich wichtig ist, übernimmst Verantwortung für dich und deine Entscheidungen und nimmst das Leben an, wie es sich dir gerade zeigt.

Das ist bei dir schon jetzt so? Wow! Für mich sind das die Kernzutaten eines erfüllten und sinnvollen Lebens.

Was hat das mit der Gewaltfreien Kommunikation zu tun? Gewaltfreie Kommunikation hilft dir mitunter in genau diesen drei Bereichen:

Sie unterstützt dich, mit deinen Gefühlen und deiner Lebendigkeit in Kontakt zu sein. Marshall Rosenbergs größtes Ziel im Leben war, "jedes Lachen zu lachen und jede Träne zu weinen" - das Leben in voller Bandbreite zu leben.

GFK hilft dir, deine Gefühle, Entscheidungen und dein Verhalten besser zu verstehen - die Grundbedürfnisse dahinter zu erkennen. So kannst du dir selbst und anderen Menschen gegenüber wertschätzender begegnen.

GFK erinnert dich daran, Verantwortung zu übernehmen: Verantwortung für deine Gefühle, deine Entscheidungen und dein Verhalten.

Stell dir vor, du verinnerlichst und übst die Prinzipien der Gewaltfreien Kommunikation von heute an bis in fünf Jahre: Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass du immer stärker mit deinen Bedürfnissen und Werten verbunden bist - also das lebst, was dir wichtig ist.

Gewaltfreie Kommunikation ist übrigens viel mehr als eine Methode, um Gewalt zu verhindern. Marshall Rosenberg war Psychotherapeut und als solcher sehr erfolgreich. In einem Interview erwähnte er, dass es mehr braucht als Psychotherapie:

“Psychotherapists unfuck people, who were fucked up by society.”

Die Gesellschaft ruiniert Menschen und Psychotherapeuten, sollen sie “wieder herstellen”.

Marshall Rosenberg entwickelte aus dieser Erkenntnis heraus die Gewaltfreie Kommunikation: Er wollte Menschen ermächtigen ein sinnvolles und lebendiges Leben zu führen und gesellschaftlichen Wandel anstoßen.

Weil es um viel mehr geht, als Gewalt zu vermeiden, ist die GFK unter anderem auch bekannt als: Giraffensprache, Einfühlende Kommunikation, Wertschätzende Kommunikation, Beziehungsfördernde Kommunikation und Achtsame Kommunikation.

Was ist die Gewaltfreie Kommunikation?

Teil der Gewaltfreien Kommunikation ist eine Technik. Es geht darum aufmerksam zu sein und deine Aufmerksamkeit bewusst zu steuern. Damit wir aber von Gewaltfreier Kommunikation sprechen können, muss diese Technik mit dem Ziel verknüpft sein, mehr Verbundenheit zu schaffen und Menschen zu helfen, einander zu verstehen und Win-Win Lösungen zu finden.

gewaltfreie kommunikation

Geben und Nehmen von Herzen, ist das Hauptziel der GFK

Es gibt die Geschichte von einem Cherokee Indianer, der seinem Enkelsohn erzählt, dass in ihm ein Kampf zwischen zwei Wölfen stattfindet. Ein Wolf sei neidisch, eifersüchtig, rachsüchtig und hasserfüllt. Der andere Wolf sei liebevoll, dankbar und mitfühlend. Der Enkel fragte, welcher Wolf den Kampf gewinnen wird und der Großvater erwiderte: “Der Wolf, den ich füttere.”

Wir haben in jedem Moment die Wahl, worauf wir unsere Aufmerksamkeit lenken.

Richten wir sie auf unsere Urteile, Kritik und Gedanken?
Oder auf das, was wir uns wünschen, was wir brauchen und was wir fühlen?

Die GFK ist eine bestimmte Art und Weise, unsere Aufmerksamkeit zu lenken: Wir richten unseren Fokus nicht auf Urteile, Kritik oder Vergleiche, sondern legen unsere Aufmerksamkeit auf unsere menschlichen Grundbedürfnisse und Gefühle. Wir fragen uns, was wir fühlen, wollen und brauchen und nicht, was jemand falsch gemacht hat.

Es geht in der Gewaltfreien Kommunikation nicht darum, richtig zu kommunizieren. Vielmehr ist es das Ziel, so zu kommunizieren, dass die Bedürfnisse aller Involvierten berücksichtigt werden (optimalerweise erfüllt - aber zumindest gehört!). Eine Handlung aus Sicht der GFK ist somit weder richtig noch falsch, sondern förderlich oder weniger förderlich, bezogen auf ein Ziel (z.B. Win-Win Lösungen zu finden) oder ein Bedürfnis (z.B. dazu zugehören).

Worauf lenken wir in der Gewaltfreien Kommunikation konkret unsere Aufmerksamkeit?

In der GFK werden fünf Aspekte beschrieben, die uns helfen Mitgefühl und Dankbarkeit zu nähren, wenn wir uns darauf konzentrieren:

  • Unsere Absicht (mein Ziel hinter der Tat bzw. dem Gesagten)
  • Unsere Beobachtungen (der Fakt hinter meinen Interpretationen und Bewertungen)
  • Unsere Gefühle (die Körperempfindungen)
  • Unsere anerkennenswerten Bedürfnisse (physische und psychologische Grundbedürfnisse)
  • Unsere Strategien und Bitten (was sind unsere Präferenzen, um unsere Bedürfnisse zu erfüllen)

Aspekte, die aus Sicht der GFK nicht förderlich sind, um Verbundenheit herzustellen sind:

  • Vergleiche (sie kann das viel besser als ich)
  • Urteile (er ist ein spirituell unterentwickelter Mensch)
  • Kritik (sie kann das nicht)
  • Schubladendenken (Männer weinen nicht)
  • Interpretationen (Sie lehnt mich ab)
  • Schlussfolgerungen (Er mag mich nicht, weil er auf mein sms nicht geantwortet hat)
  • Gedanken, die Verantwortung leugnen (Ich kann das nicht; Ich muss das machen)

Manchmal ist in der GFK auch von einer Giraffen- und Wolfssprache die Rede. Mit Giraffensprache ist gemeint, die Aufmerksamkeit auf Fakt, Gefühl und Bedürfnis zu lenken - jenseits von richtig und falsch. Wolfssprache ist sozusagen unsere Alltagssprache in der wir uns mehr auf unsere Urteile konzentrieren und nicht darauf, was uns wichtig ist. Weder Giraffensprache noch Wolfssprache sind besser oder schlechter, aber sie haben unterschiedlich förderliche Auswirkungen auf unsere Beziehungen. Nachdem Wolfssprache oft missverstanden wird als: “Das ist die böse Sprache, die man nicht sprechen darf” verwende ich hier die Ausdrücke nicht. Wie bereits erwähnt: Es geht nicht darum, richtig zu kommunizieren, es geht darum so zu sprechen, dass wir Empathie, Mitgefühl und Zusammenarbeit stärken.

Nonviolent Communication - San Francisco Lecture Workshop - Marshall Rosenberg *Synced sound*

M.B. Rosenberg "Ich zeige euch heute, wie ihr diese Technologie nutzen könnt"

Die fünf Aspekte (Absicht, Fakt, Gefühl, Bedürfnis, Bitte) werden in vielen GFK Büchern auch als Schritte beschrieben. Du kannst dich zuerst auf deine Absicht konzentrieren, dann auf den Fakt und weiter auf dein Gefühl etc. Um diese fünf Aspekte zu verinnerlichen, macht es am Anfang Sinn, sie systematisch zu durchlaufen. Im Alltag wirst du allerdings schnell merken, dass es sich natürlicher anfühlt zwischen diesen Aspekten nicht-linear hin und her zu springen.

Hui, es gibt so viel, was ich dir über GFK noch erzählen will! :) Das wichtigste weißt du jetzt allerdings. Wenden wir uns den fünf Aspekten zu, auf die wir uns in der GFK konzentrieren, um Empathie, Mitgefühl und Zusammenarbeit zu fördern:

1. Aspekt: Der Fakt hinter dem Urteil

Hier gibt es zwei Gründe, warum es wichtig ist, dich auf den Fakt zu konzentrieren:

1) Fakten entziehen Interpretationen und Ängste ihre negative Wirkung

Indem du dich auf den Fakt konzentrierst, verlieren Interpretationen, Ängste, Sorgen, Schlussfolgerungen ihre negative Wirkung.

Hast du dich jemals in deinen Interpretationen verloren? Unser menschliches Denken ist etwas verzerrt. Wir tendieren dazu, das, was um uns geschieht, auf uns zu beziehen (obwohl die Wahrscheinlichkeit, dass es wirklich mit uns zu tun hat, sehr gering ist). Diese Tendenz ist auch als fundamentaler Attributionsfehler bekannt.

Wenn du also jemanden eine sms schreibst und die Person antwortet nicht, sind einige Gedanken und Interpretationen die wir alle kennen:

“Habe ich etwas falsches gesagt?”

“Mag mich die Person nicht?”

Diese Gedanken lösen in uns Ängste und Sorgen aus. Konzentrieren wir uns jedoch auf den Fakt: “Ich habe einer Person eine sms geschrieben und wenn ich jetzt fünf Stunden später meine Nachrichten durchsehe, sehe ich keine Antwort. Alles andere sind ungewisse Interpretationen”. So kann ich meine Interpretationen akzeptieren und als das sehen, was sie sind: Wahrscheinlichkeiten (meistens sehr geringe Wahrscheinlichkeiten).

Achtsamkeit ist ein aufmerksames Beobachten, ein Gewahrsein, das völlig frei von Motiven oder Wünschen ist, ein Beobachten ohne jegliche Interpretation oder Verzerrung. Jiddu Krishnamurti

2) Vermeide durch Fakten Missverständnisse

Manchmal klettern wir unsere Interpretationen wie eine Leiter hoch und verlieren immer mehr Bezug zum Boden bzw. den Fakten:

1. Stufe: “Warum schreibt er mir nicht zurück?”
2. Stufe: “Das heißt, er mag mich nicht.”
3. Stufe: “Ich würde jedenfalls zurückschreiben, auch wenn es mir unangenehm wäre.”
4: Stufe: “So ein arroganter Typ.”

Was passiert, wenn sich die beiden das nächste Mal treffen?

Es clasht! Und das obwohl die andere Person vielleicht im Ausland war und nur deswegen nicht auf die sms antworten konnte.

Wir können diese Missverständnisse vermeiden, indem wir uns wieder auf die Fakten konzentrieren und die Leiter der Schlussfolgerungen Stück für Stück wieder runterklettern:

Was lässt mich annehmen, dass die Person ein arroganter Typ ist?
→ Sie antwortet mir absichtlich nicht.
Was führt mich zur Annahme, dass sie mir absichtlich nicht antwortet?
→ Fakt: Wenn ich jetzt meine Nachrichten durchsehe, sehe ich von dieser Person keine Antwort.

3) Fakten machen es anderen einfacher, empathisch zu reagieren

Indem du einen Fakt kommunizierst, erhöhst du die Wahrscheinlichkeit, dass die andere Person keinen Vorwurf, sondern eine Möglichkeit hört, zu deinem Wohlbefinden beizutragen.

In unserem Alltag haben wir verlernt, Fakten klar von unseren Bewertungen zu trennen.

Denken ist schwer, deswegen urteilen so viele. C. G. Jung

Wir sehen also nicht eine leere Cola Flasche auf dem Boden liegen, sondern ein unaufgeräumtes Zimmer.

Wir sehen nicht zwei unabgewaschene Teller in der Küche, sondern eine schmutzige Küche.

Wir sagen nicht, jemand kommt 5 Minuten später als vereinbart, sondern jemand ist zu spät.

Bewertungen machen es unserem Gegenüber sehr schwer auf unsere Aussage empathisch oder wohlwollend zu reagieren. Diese Urteile laden uns ein, uns entweder zu verteidigen:

“Die Küche ist nicht schmutzig!”

Oder uns schuldig zu fühlen:

“Stimmt. Entschuldigung.”

Wenn dir andere Menschen also Vorwürfe machen, blicke hinter den Vorwurf, um gelassen zu bleiben. Frage dich, auf welchen Fakt sich die Person hinter dem Vorwurf bezieht. Ein Vorwurf wäre z.B.: “Du kümmerst dich nur um dich!“ Ein Vorwurf liefert dir zwei Informationen: Welches Bedürfnis ist in der anderen Person nicht erfüllt (darauf kommen wir später zurück) und auf welchen objektiven Fakt bezieht sich die Person. Konzentrierst du dich nicht auf den Vorwurf, sondern auf den Fakt hinter dem Vorwurf, gelingt es dir eher ruhig zu bleiben.

Wenn du aber selbst ein Urteil über eine Person oder einen Gegenstand hast, dann ist es die Kunst zu sehen, welcher Fakt deinem Urteil zugrundeliegt. Dann kannst du der Person beschreiben, worauf du dich beziehst, ohne ihr mit einem Urteil eins überzuziehen. Das macht es wiederum wahrscheinlicher, dass ihr eine Lösung findet, ohne euch gegenseitig abzuwerten.

2. Aspekt: Das Gefühl, das von diesem Fakt ausgelöst wurde

In jeder menschlichen Interaktion spielen Gefühle eine zentrale Rolle. Aus folgenden Gründen ist es wichtig, deine Gefühle zu erkennen und wahrzunehmen:

1. Mit Gefühlen konstruktiv umgehen

Wenn du lernst, Gefühle wahrzunehmen und zu benennen, verlieren Gefühle ihre Bedrohlichkeit. Ich bin mir sicher, du kennst dieses Phänomen von dir: Wir können etwas benennen und plötzlich ist es weniger schlimm.

In meinen Seminaren leite ich gerne die Übung Empathie Poker an. In dieser Übung erzählt eine Person kurz von einer herausfordernden Situation, damit sich die anderen Übenden einfühlen können. Bis auf die erzählende Person haben alle anderen Teilnehmer Gefühls- und Bedürfniskarten. Wenn die Person die Situation fertig erzählt hat, suchen diese in ihren Karten nach passenden Gefühlen und Bedürfnissen und decken die Karten vor der erzählenden Person auf. Ich bekomme regelmäßig die Rückmeldung welche Erleichterung es ist, unterschiedliche Gefühle und Bedürfnisse bewusst benannt zu haben.

Gefühle zu benennen hilft außerdem, diese zu akzeptierten und achtsam wahrzunehmen. Durch diesen achtsamen Kontakt mit unseren Gefühlen können die Gefühle ihren natürlichen Verlauf nehmen: Sie steigen an, werden dann wieder schwächer und verklingen irgendwann ganz.

Es ist paradox, aber wenn ich mich so akzeptiere, wie ich bin, dann kann ich mich verändern. Carl Rogers

Sind wir uns unsere Gefühle nicht bewusst, haben sie Macht über uns: Wir handeln aus dem Affekt heraus, ohne unsere Bedürfnisse oder Ziele im Blick zu haben. Deswegen ist es hilfreich, deine Gefühle wahrzunehmen und als das zu erkennen, was sie sind: Wertvolle Hinweise für erfüllte und unerfüllte Bedürfnisse.

So handelst du nicht blind und ohne Bewusstsein, was dir wichtig ist, sondern aus deinem innersten Kern heraus.

2. Gefühle wertfrei ausdrücken

In menschlichen Interaktionen gelingt es uns nicht immer Gefühle auszudrücken. Meistens sind wir so stark mit unseren Gedanken und Urteilen identifiziert, dass wir sie mit Gefühlen verwechseln. Solche “Pseudogefühle” dienen in unseren Interaktionen nicht als Feedback, wie wir zu unserem gegenseitigen Wohlbefinden beitragen können, sondern als Vorwurf und Versuch, die andere Person zu manipulieren.

Hier sind einige Beispiele für Urteile, die wir als Gefühle tarnen:

“Ich fühle mich verarscht.”
“Ich habe das Gefühl du betrügst mich.”

Mit diesen beiden Sätzen teile ich der anderen Person meine Urteile mit, nicht aber meine Gefühle. Was ich eigentlich sage ist:

“Ich denke du verarscht mich.”
“Ich habe den Eindruck, du betrügst mich.”

Natürlich schwingt hinter diesen Gedanken und Urteilen ein Gefühl mit. Doch das ist kein Gefühl der Verarschung oder Betrogenheit, sondern viel eher Trauer, Schmerz, Wut, Ärger…

Paul Ekman ein sehr bekannter Psychologe hat mindestens fünf Grundemotionen wissenschaftlich belegen können, die universal von allen Menschen geteilt werden. Das sind die Gefühle: Fröhlichkeit, Wut, Ekel, Furcht, Verachtung, Traurigkeit und Überraschung.

gefühle erkennen

Fünf der sieben Basisemotionen (eine Emotion ist doppelt repräsentiert). 

Das bedeutet nicht, dass es andere Gefühle nicht gibt - sie konnten lediglich wissenschaftlich noch nicht eindeutig “gemessen” werden. Ich sehe die fünf oben genannten Gefühle als Grundemotionen an, von denen es viele Varianten gibt. Bei Freude z.B.: Dankbarkeit, berührt, inspiriert, motiviert…

Gefühle in der GFK werden als Hinweise für eine Qualität gesehen, die gerade erfüllt oder nicht erfüllt ist. Diese Qualitäten sind auch als psychologische und physische Grundbedürfnisse bekannt:

3. Aspekt: Bedürfnisse erkennen und benennen

Dieser Fokus zeichnet die Gewaltfreie Kommunikation besonders aus. Immer wieder bekomme ich E-Mails, in denen Menschen beschreiben, wie ihnen der Fokus auf Bedürfnisse hilft, mit inneren und äußeren Herausforderungen umzugehen. Auch in meinem Leben, war dieser neue Fokus eine der größten Bereicherungen, für die ich ewig dankbar sein werde.

Indem wir uns auf unsere menschlichen Grundbedürfnisse konzentrieren, lernen wir uns Stück für Stück unabhängig zu machen von äußeren Umständen, ohne zu verlernen, uns berühren zu lassen und die Verbundenheit mit anderen zu feiern.

Wir lernen, dass unsere Gefühle (auch die unangenehmen und schmerzvollen) wichtige Hinweise dafür sind, was uns wichtig ist und dass angenehme genau so wie unangenehme Gefühle gleich wichtig sind.

Dieser Fokus ermöglicht es uns zu erkennen, dass wenn andere Menschen uns beleidigen oder uns Vorwürfe machen, das weniger eine Aussage über mich, als über deren offen liegende Bedürfnisse ist - wir lernen uns abzugrenzen.

Dieser Fokus erlaubt es uns auch, aus dem heraus zu handeln, was uns wichtig ist, damit wir nicht zum Spielball unserer Impulse und Gefühle werden. Ein Bedürfnisbewusstsein ist wichtig, um zu wissen, was du im Leben willst, was dir wichtig ist und woran du dich orientierst.

Doch was ist mit Bedürfnis gemeint?

Ein menschliches Grundbedürfnis ist ein grundlegender Motivator des Menschen. Es ist eine bestimmte Erfahrens-Qualität, die alle Menschen kennen und teilen.

Die Qualität des Geborgenseins, des sich Geschütztfühlens, der Erfahrung autonom und frei zu sein, der Erfahrung zugehörig und verbunden zu sein.

Alles, was wir im Leben tun, tun wir um diese Qualitäten wieder zu erfahren.

Darum ist ein Vorwurf weniger eine Aussage über dich, als eine Information über die Grundbedürfnisse, die in dieser Person gerade nicht erfüllt sind.

Alles, was wir sagen, ist bitte und danke. Bitte, wenn unsere Bedürfnisse gerade nicht erfüllt sind und danke, wenn unsere Bedürfnisse erfüllt wurden. Marshall Rosenberg

Unsere Bedürfnisse erfüllen wir durch unterschiedliche Strategien:

Strategien sind konkrete Handlungen, wie wir Bedürfnisse erfüllen können. Es gibt zahlreiche Strategien, um Bedürfnisse zu erfüllen und unter diesen Strategien, haben wir oft eine Handvoll Präferenzen, wie wir unsere Bedürfnisse bevorzugterweise erfüllen.

Das Bedürfnis nach Erholung kann beispielsweise durch Sport, Spaziergänge, Lesen, Filme schauen, Gespräche oder andere Strategien erfüllt werden. Jeder Mensch hat Präferenzen unter diesen Strategien. Manche lesen lieber Bücher, andere machen Sport oder treffen sich mit Freunden.

Hin und wieder geschieht es, dass wir uns von unseren Präferenzen abhängig machen. Früher wollte ich Liebe vor allem in einer Liebesbeziehung erfahren. Liebesbeziehungen haben allerdings kein Monopol auf unser menschliches Grundbedürfnis nach Liebe: Liebe können wir auch mit Freunden, Familie oder in Meditationen erfahren.

Als ich das kapiert habe (es hat lange gebraucht), war ich von romantischer Liebe nicht mehr abhängig und konnte Liebe an unterschiedlichen Orten erfahren.

Durch diese Erkenntnis wurde ich viel freier und unabhängiger - ohne je zu verlernen die Verbundenheit und Zugehörigkeit mit anderen zu feiern.

Bedürfnisse erkennen kannst du, indem du dich auf deine Gefühle konzentrierst und dich fragst, was dir wichtig ist. Du kannst Bedürfnislisten verwenden und solange lesen, bis du ein Bedürfnis findest, auf das dir dein Körper ein unmittelbares Feedback gibt: “Ja, genau diese Qualität ist es, die mir in dieser Situation wichtig ist.”

Je länger du das übst, desto rascher kannst du dich mit deinen Bedürfnissen verbinden und in Kontakt gehen und aus einer Position heraus handeln, in der du mit dir selbst und deinen Bedürfnissen verbunden bist.

4. Aspekt: Bitten

Wenn du dich auf den Fakt, die reine Beobachtung konzentriert hast, deine Gefühle wertfrei wahrgenommen hast und auch im Kontakt mit deinem Bedürfnis bist, hast du womöglich eine Bitte an eine andere Person.

Eine Bitte in der Gewaltfreien Kommunikation ist ein Geschenk. Ein Geschenk an unseren Gegenüber zu unserem Wohlbefinden beizutragen.

Eine Bitte ist ein Geschenk, das unser Gegenüber annehmen kann - oder auch nicht.

Eine Bitte ist ein Geschenk, das unser Gegenüber annehmen kann - oder auch nicht.

In der GFK nehmen wir an, dass Menschen, wenn sie die Gelegenheit haben, mit Freude zum Wohlbefinden anderer Menschen beitragen.

Deswegen ist es wichtig, dass wir Bitten formulieren, die anderen Personen offen lassen, ob sie die Bitte erfüllen wollen oder nicht. Sobald eine Bitte zu einer Erwartung oder Forderung wird, können Menschen der Bitte nur schwer mit Freude nachkommen.

Eine Bitte ist dann offen und frei von Forderungen, wenn du akzeptieren kannst, dass die andere Person nein sagt. Formuliere eine Bitte und stell dir vor, die andere Person sagt nein. Wie fühlst du dich? Kannst du das akzeptieren?

Ja?

Dann hast du eine Bitte gestellt.

Nein?

Um es in Steve de Shazers Worten auszudrücken: Shit happens. ;)

Kleiner Scherz. Das ist natürlich eine doofe Situation, es heißt, dass du dein Bedürfnis nicht auf deiner bevorzugten Weise erfüllen kannst. Welche anderen, zweitbesten Wege fallen dir ein, um dein Bedürfnis zu erfüllen, wenn eine Person nein sagt?

Wir können niemanden zwingen etwas zu tun, was sie nicht wollen. Und wenn wir es dennoch versuchen, wünschen wir uns später, wir hätten es doch nicht versucht.

Präzise und klare Bitten stellen

Sich auf Bitten zu konzentrieren ist auch mit der Fähigkeit verbunden, klare, präzise und konkrete Bitten zu stellen.

Meine Ex-Freundin hat mich einmal gefragt, ob ich den Topf aus dem Kühlschrank nehmen und diesen ohne Deckel in den Ofen geben kann (um die Mahlzeit vom Vortag aufzuwärmen). Das war eine ziemlich klare Bitte oder? Ich nahm den Topf aus dem Kühlschrank, nahm den Deckel ab, legte diesen in die Spüle und gab den Topf in den Ofen. Später als meine Ex-Freundin in die Küche ging, sagte sie: “Schatz! Ich hab dir doch extra gesagt, du sollst den Deckel abnehmen, damit dieser nicht schmutzig wird!” Nach einem kurzen Gespräch fanden wir heraus, dass sie gesagt hatte, ich solle den Deckel runtergeben, aber nicht wohin. Für sie war es klar, dass ich sehen würde, dass der Deckel sauber ist und ich ihn am besten zum sauberen Geschirr gebe - für mich war das allerdings nicht klar. Um solche kleinen Missverständnisse zu vermeiden, ist es wichtig, die eigenen Bitten so präzise wie möglich auszuformulieren. "Bitte gib den Topf in den Ofen und den sauberen Deckel zum sauberen Geschirr." Besonders bei Männern, die schwer von Begriff sind, sind präzise Bitten absolut notwendig. ;)

Noch mehr über gelingende Bitten, findest du in diesem Artikel.

Egal, wie du dein Anliegen formulierst, vielleicht noch wichtiger ist, mit welchem Ziel du es formulierst. Darum geht es beim fünften Aspekt:

5. Aspekt: Die Absicht hinter dem Gesagten

Das Ziel der Gewaltfreien Kommunikation ist, Menschen zu helfen, sich auf Augenhöhe zu begegnen, einander zu verstehen und alle beteiligten Bedürfnisse zu berücksichtigen.

Richte von Zeit zu Zeit deine Aufmerksamkeit auf deine Absicht, hinter dem was du sagst. Ist deine Absicht immer noch übereinstimmend, mit dem Ziel der GFK? Oder sagst du vielleicht etwas, weil dir eine Person wehgetan hat und du Rache nehmen willst.

Egal, wie geschickt du deine Sätze formulierst, wenn deine Absicht Rache oder Bestrafung ist, wird das langfristig deinen Beziehungen schaden. Gleichzeitig kannst du durch eine Absicht, die stark in einem Win-Win Mindset verankert ist, viele ungeschickte Formulierungen wieder ausgleichen.

Das waren die fünf Aspekte in der GFK!

Um diese Aspekte mehr und mehr in dein Bewusstsein zu rücken, kann es hilfreich sein, sie in folgender Reihenfolge zu durchlaufen:

  1. Was ist der Fakt, die wertfreie Beobachtung?
  2. Was löst dieser Fakt in mir aus, welches Gefühl kann ich in mir wertfrei wahrnehmen und benennen?
  3. Auf welches anerkennenswerte Bedürfnis will mich dieses Gefühl hinweisen?
  4. Welche Bitte will ich verbunden mit diesem Bedürfnis formulieren?
  5. Was ist meine Absicht?

Hast du die verschiedenen Fokussierungen im Trainingskontext schon geübt, fällt es dir leichter, dich im echten Leben spontan und flexibel auf diese unterschiedlichen Aspekte zu konzentrieren.

Ich hoffe, ich konnte dir mit diesem Artikel einen Einblick in die GFK geben. Wenn du noch mehr darüber lernen willst, empfehle ich dir meinen kostenlosen E-Mail Kurs, den du hier abonnieren kannst.

Dir hat der Artikel gefallen? Bitte teile ihn mit Freunden und Bekannten, die davon ebenso profitieren können! :)

Alles Liebe,
Raphael

Stell dir vor...

  • es fällt dir leicht dich rasch zu zentrieren
  • andere schätzen und genießen deine Präsenz in Gesprächen
  • du bist ehrlich und aufrichtig zu dir selbst und anderen - sagst nein, wenn du etwas nicht willst und sagst ehrlich, was du willst.

Mach die ersten Schritte für eine effektivere Kommunikation mit diesem kostenlosen E-Mail Kurs:

Du erhältst 5 E-Mails in 5 Tagen. Deine Adresse ist geschützt und du kannst dich jederzeit abmelden. 

Quellen und mehr zum Thema:

Gewaltfreie Kommunikation - Eine Sprache des Lebens von Marshall Rosenberg
42 Schlüsselunterscheidungen - Liiv Larsson
Hypnosystemische Beratung und Therapie (Hypnosystemik ist ein Metamodell, das unter anderem erklärt, warum GFK wirkt)
Mehr Bücher und Videos über GFK im Ressourcenbereich

Fotos: © Depositphotos Qpicimages, pressmaster, popocorn

Schreib was dich bewegt: