Warum dein Lob nicht ankommt (und was du stattdessen tun kannst)

Wenn du in Google nach “wie jemanden loben” suchst, bekommst du 1001 Tipps, wie du richtig effektiv lobst.

Solltest du wissen wollen, warum dein Lob nicht ankommt und wie du Wertschätzung ausdrücken kannst, bist du mit diesen Tipps oft schlecht bedient: Sie verkomplizieren Wertschätzung meist lediglich, denn im Wesentlichen braucht es dafür nur zwei Dinge, die du berücksichtigen musst (Dinge auf die ich weiter unten eingehe).

Kleine Veränderungen an diesen beiden Stellen vermögen, was 1001 Tipps nicht können: Einen wertschätzenden Kontakt auf Augenhöhe aufzubauen, der Energie und Freude gibt.

In diesem Artikel mache ich einen Unterschied zwischen Lob und Wertschätzung. Was wir geben wollen, ist oft Wertschätzung, was wir aber oft effektiv geben, ist Lob. Warum die Unterscheidung Sinn macht und eine Veranschaulichung, findest du auch weiter unten im Text.

Du willst aufrichtige Wertschätzung auf Augenhöhe geben, die Energie gibt und Freude macht?

Dann beginnen wir mit Lob und warum es nicht ankommt:

Was ist Lob und warum kommt es nicht an

Was meine ich mit Lob?
Lob sind Sätze/Bewertungen wie:

“Das hast du gut gemacht.”
“Sehr professionell durchgeführt.”
“Du bist ein Genie!”

Lob ist doch eigentlich das Gegenteil von Kritik und somit gut, oder?

Diese Schlussfolgerung teile ich nicht. Hier ist der erste Grund, warum Lob nicht ankommt: Lob und Kritik sind stark damit assoziiert, andere Leute dazu zu bringen, etwas bestimmtes zu tun.

Wenn sie es falsch machen, äußere ich Kritik.
Wenn sie es richtig machen, mache ich Komplimente und gebe Lob.

Vielleicht ist es gar nicht deine Absicht, den anderen zu etwas zu bringen. Du willst einfach nur mit der Person in Kontakt treten, ihr sagen: “Mir gefällt, was du machst.”

Doch die Wirkung von dem, was du sagst, entspricht nicht immer deiner Absicht:

  • Wenn du sagst “gute Arbeit”, dann definierst du als Lobender, was gute Arbeit ist. Vielleicht stimme ich als Empfänger dieser Definition zu, vielleicht denke ich auch deine Maßstäbe einer guten Arbeit interessieren mich nicht. Oder es wirkt auf mich als Übergriff, als würdest du allgemein gültig definieren wollen, was wirklich gute Arbeit ist.
  • Nehme ich das Lob von meinem Chef an, dass ich z.B. ein professioneller Mitarbeiter bin, dann mache ich meinen Selbstwert abhängig von seiner Bewertung.
  • Die Beziehung ist bei Lob nicht auf Augenhöhe. Der Geber bestimmt bei Kritik wie auch bei Lob, wie jemand oder etwas wirklich ist.

Ich will von niemandem negativ oder positiv bewertet werden. Ich will nicht hören, wie ich bin oder was ich gut oder schlecht mache – das bringt mir nichts und macht mich lediglich abhängig.

I never learned anything from other people telling me what I am

Marshall Rosenberg

Lass diese drei Sätze auf dich wirken:

“Das hast du gut gemacht.”
“Sehr professionell durchgeführt.”
“Du bist ein Genie!”

Stell dir vor, du sagst die Sätze jemand anderem:

Wie fühlst du dich?
Gleichrangig? Unterlegen? Überlegen? Freudig? Voll Dankbarkeit? Unwohl?

Stell dir vor, dich lobt jemand auf diese Art:
Wie einfach kannst du das Lob annehmen?
Wenn du es annehmen kannst, wäre es dann eher eine tiefe Freude/Dankbarkeit oder ein Egoboost?

Was Ratgeber meinen, warum Lob nicht ankommt

Viele Ratgeber sind auch schon zum Schluss gekommen: “Das hast du gut gemacht.” wirkt nicht mehr und motiviert auch nicht (falls das die Absicht war).

Ihr Vorschlag: Wörter wie gut, professionell etc. durch andere positive Adjektive ersetzen wie fachmännisch, exzellent…

Doch das wirkt genau so wenig. Die Beziehung ist nicht auf Augenhöhe. Jemand bewertet jemand anderen.

Ein Beispiel für Lob von einer Rhethorik Seite:

“Werte Frau Meierhöfling-Scharrenberg, ich danke Ihnen, dass Sie als unsere Sekretärin, ja gute Fee des Hauses immer so geistesgegenwärtig und verständnisvoll aber auch uneigennützig und tadellos unsere Anrufer begrüßen. Ich bin mir sicher Ihre ruhige und versöhnliche Wortwahl nimmt so manch einem Anrufer die Munition aus dem Lauf.”

Ouch. Ernsthaft.

Diese Art von Feedback und Wertschätzung macht mir starken inneren Druck. Einerseits will ich es nicht annehmen, weil ich damit nichts anfangen kann, von jemanden als gut, mit welchem Wort auch immer, bewertet zu werden.

Außerdem würde ich meinen Selbstwert von der Bewertung der/des Vorgesetzten abhängig machen, wenn ich das Lob annehmen würde. Das macht mich unfrei und das will ich nicht. (War das gerade mein innerer Teenager, der das schrieb?^^)

Andererseits sehe ich, dass sich mein Gegenüber Mühe gibt mit mir respektvoll in Kontakt zu treten – das macht mir Druck das Lob anzunehmen. Diese Art des Lobs, wie es viele Ratgeber vorschlagen, ist keine Lösung, sondern trägt lediglich zur Verkomplizierung bei.

Ich hoffe ich konnte dir zeigen, wie sehr Lob mit hierarchischen, unfreien Strukturen verbunden ist. Jetzt möchte ich dir eine neue Form zeigen, wie du aufrichtige Wertschätzung ausdrücken kannst.

Wertschätzung, die unser Leben bereichert

Du willst also Wertschätzung ausdrücken und jemandem sagen, dass dir gefällt, was er oder sie macht?

Es gibt einen anderen Weg:

Zuerst vergiss alle Adjektive der Rhetorikseiten und vergiss 1001 Tipps, effektiv zu loben. Die brauchst du nicht.

Dann wähle eine Absicht, wofür du jemanden wertschätzen willst.

Im Businesskontext findet sich oft die Absicht, zu motivieren. Diese Absicht finde ich fraglich, wer will sich gerne von außen für etwas motivieren lassen?

Andere Ratgeber geben schon den durchaus wertvollen Hinweis, als Absicht dem anderen zu vermitteln, dass du ihn als Menschen schätzt.

Die Absicht, die ich für Wertschätzung aber am passendsten finde, ist:

Mit jemandem auf Augenhöhe in Kontakt treten und ihm mitteilen, wie er oder sie dein Leben reicher macht.

Alles, was dann noch zu tun bleibt, ist deine Absicht in die Tat umzusetzen:

Sag der anderen Person, was sie gemacht hat und wie es dein Leben bereichert.

“Liebe Person X, als du Y gemacht hast, gab mir das große Sicherheit. Vielen Dank!”

Diese Wertschätzung kommt in allen Bereichen an.

In Beziehungen:

“Schatz, danke, dass du hier bist. Ich fühle soviel Zuneigung, Wärme und Nähe bei dir.”

Im Arbeitskontext:

“Liebe Frau Meierhöffling-Scharrenberg, ihre Vorarbeit, hilft mir, mich in der Arbeit auf die wesentlichen Dinge konzentrieren zu können – das schätze ich sehr. Vielen Dank.”

Bei Eltern:

“Liebe Eltern, obwohl ihr meine Entscheidung nicht immer gut findet, steht ihr trotzdem hinter mir. Das gibt mir unglaublich viel Rückhalt und Unterstützung. Ich danke euch.”

Bei Geschwister:
“Liebe Schwester, danke, dass du meine Texte mit mir vor der Veröffentlichung durchliest. Das gibt mir eine große Sicherheit, dass meine Texte bei der Veröffentlichung ein Mindestmaß an Qualität erfüllen.”

Freunde:

“Als ich nach Wien zurückkam, fühlte ich mich sofort wohl und sicher. Nur zu wissen, dass ich tiefe Freundschaften hier habe, gibt mir so viel Sicherheit.”

Seminare:

“Die Geschichte, die du von der Postkutsche erzählt hast, gibt mir sehr viel Hoffnung, in Zukunft eher meiner Intuition vertrauen zu können.”

Alltag:

“Danke, dass du mich mitnimmst, das gibt mir zusätzliche wertvolle Zeit für meine Familie.”

Blog:

“Lieber Blogleser, es freut mich, dass du diese Zeilen liest. Auch wenn wir nicht persönlich in Kontakt sind, freue ich mich, dass du hier bist und so meinem Blog Sinn gibst.”

Wie klingt das für dich? Wie wirkt das auf dich?

Die ideal-typischen Unterschiede von Wertschätzung und Lob sind folgende:

lob wertschatzung

Diese Unterschiede kommen im Alltag nicht immer idealtypisch vor. Vielleicht war es z.B. deine Absicht, Wertschätzung zu geben, aber auf die andere Person hat es durch die Formulierung wie Lob gewirkt.

Jetzt gerade, nachdem ich diesen Artikel geschrieben habe, bin ich ziemlich berührt. Ich bin wirklich von Herzen dankbar für all die Menschen, die mein Leben so sehr bereichern.

Weil Wertschätzung mich selbst so bereichert und auch die Menschen, denen ich meine Wertschätzung ausspreche, will ich eine neue Gewohnheit aufbauen.

Mach mit für mehr Wertschätzung in unserem Leben:

Die nächsten 28 Tage im März (inklusive heute), werde ich jeden Tag mindestens einem Menschen Wertschätzung ausdrücken.

Bist du dabei? Für jeden Tag, an dem du jemandem deine Wertschätzung ausgesprochen hast, machst du ein X in deinem Kalender: Somit wären das dann 28 X in deinem Kalender, als Zeichen für 28 Wertschätzungen, die du ausgetauscht hast.

Jetzt ist deine Meinung gefragt: Welche Erfahrung hast du mit Wertschätzung und Lob gemacht? Was leuchtet dir ein, was weniger? Ich freue mich über deine Meinung in einem Kommentar.

Alles Liebe,
Raphael

  1. Kurt Melnik Antworten

    Und jetzt bräuchte es noch ein schönes Wort für Wertschätzung. Dieses Wort ist für mich durch seine wortwörtliche Bedeutung „den Wert einschätzen“ ziemlich vergiftet und hat wenig mit no-right-no-wrong zu tun.

    • Raphael Antworten

      Guten Morgen Kurt,

      wenn dir das Wort Wertschätzung nicht gefällt, kannst du es auch Dankbarkeit nennen, denn das ist Wertschätzung eigentlich. Ich sage, wie jemand mein Leben bereichert hat. 😉

      LG,
      Raphael

  2. Jana Antworten

    Hallo Raphael,

    ein spannender Artikel über einen interessanten Ansatz seine Kommunikation positiv zu stärken.

    Sonnige Grüße
    Jana

  3. Sue Antworten

    Wow, ich bin wirklich hingerissen von deinem Artikel! Ich leite seit ca 1 jahr mein erstes Team u habe ein persönliches problem mit hierarchischer kommunikation. Ich möchte, dass meine teammitglieder wissen wie gut und wichtig sie für mich u das team sind. Aber wenn ich diesen umstand mitteilen wollte, hat sich das oft falsch für mich angefühlt. Jetzt weiß ich warum! Ich habe es als lob formuliert u als wertschätzung gemeint. Vielen dank, dass du mein undefiniertes gefühl in worte gefasst hast. So simpel u doch so effektiv. Dein artikel wird auf jeden fall nachhaltigen, positiven einfluss auf meine kommunikation haben.
    Lg sue

    • Raphael Antworten

      Hallo Sue,

      wow vielen Dank für deinen Kommentar – löst in mir Freude und Dankbarkeit aus. Freu mich, dass meine Arbeit dazu beitragen konnte. 🙂

      LG,
      Raphael

Schreib was dich bewegt: