Was ist Empathie? Eine genau Betrachtung dieser wichtigen Fähigkeit

Aus dem Schützengraben ertönte das Lied “Stille Nacht”.

Es war der 24. Dezember 1914 in Flanders. Deutsche, Briten, Belgier und Franzosen lagen sich in Schützengräben gegenüber. Mittlerweile waren bereits 800.000 Soldaten im 1. Weltkrieg umgekommen.

Als die Deutschen zu Ende gesungen hatten, applaudierten die Engländer. Sie verlangten eine Zugabe. Deutsche schrien in deren Richtung: “We not shoot, you not shoot.”

So kam es dazu, dass Deutsche und Engländer einen Waffenstillstand vereinbarten. Sie gingen nach monatelanger Feindschaft aufeinander zu. Lebensmittel und Geschenke wurden ausgetauscht – die Soldaten zeigten sich gegenseitig Fotos von ihren Familien.

Sie begannen im anderen nicht einen Feind, sondern ein Individuum zu sehen. Ein normaler deutscher Soldat hatte mit einem britischen Soldaten mehr gemein, als mit seinem Befehlshaber. Ein britischer Berufssoldat meinte in seinem Journal, dass die  „Bruderschaft der Menschen“ stärker gewesen war als Hass und Feindschaft.

Wenn du und ich im Anderen ein Individuum sehen, wie wir es sind, fließt Verbundenheit und Mitgefühl wie von selbst. Menschen besitzen eine einzigartige Fähigkeit, die uns das erlaubt: Empathie.

Diese Geschichte ist der perfekte Einstieg in das Thema. Sie zeigt, welch hohe Bedeutung Empathie hat (und auch wie wir sie unterbinden können):

Empathie erlaubt uns, psychische Prozesse in uns und anderen geistig und gefühlsmäßig zu erkennen und verstehen. Sie ist ein Grundstein, um für einander Mitgefühl und Akzeptanz zu entwickeln.

Soziales Verhalten, Kooperation und Altruismus (=ich helfe ohne eigene Interessen) hängen wesentlich von dieser Fähigkeit ab. Anthropologen (Menschen, die sich mit Menschen beschäftigen…) sehen Empathie als entscheidenden Faktor, der den Menschen zum Menschen macht und von Tieren abhebt.

In einer Welt voll von Missverständnissen und Vorurteilen ist Empathie die zentrale Kraft, die uns zusammenhalten kann.

Vor 100 Jahren kannte niemand den Begriff Empathie – es gab ihn nicht. Theodor Lipps hat ihn Anfang des 20. Jahrhunderts gegründet. Heute gibt es alleine im deutschsprachigen Raum pro Monat 130.000 Suchanfragen in Google zum Wort “Empathie”. In Amazon findest du Bücher wie die empathische Gesellschaft oder das empathische Gehirn. Empathie wird immer mehr zu einem zentralen Begriff/zu einer zentralen Fähigkeit in unserer Gesellschaft.

Hast du dich auch manchmal gefragt, was wir über Empathie wissen und darunter verstehen? Was hebt Empathie von anderen Begriffen ab, wie Mitgefühl, Mitleid, Sympathie etc.?

Dieser Artikel hat das Ziel, Klarheit zu schaffen und Beschreibungen zu finden, die im Alltag für dich nützlich sein können.¹

Gefühlsansteckung

Fühlen Babys Empathie?

Nach der psychologischen Auffassung von Empathie nicht. Zumindest nicht so, wie wir Erwachsenen Empathie empfinden. Babys zeigen jedoch den kleinsten gemeinsamen Nenner von Empathie: Gefühlsansteckung. Du lächelst und das Baby lächelt zurück.

Gefühlsansteckung kann auch in Tieren, wie zum Beispiel bei Vögeln, beobachtet werden. Wenn ein Vogel kreischend davon fliegt, erheben sich auch Vögel im näheren Umkreis sichtlich gestresst.

Gefühlsansteckung führt oft zu persönlichem Stress: Jemand sieht den Schmerz eines anderen und übernimmt den Schmerz als seinen/ihren eigenen. Es gibt keine Grenze zwischen der eigenen und der anderen Person – dem eigenen oder anderen Erleben.

Das ist auch, was mit dem Begriff Mitleid heute verbunden wird. Außer der fehlenden Grenze zwischen eigenem und fremdem Erleben ist Mitleid auch mit einer hierarchischen Beziehung assoziiert. Der Mitleidende steht über dem Leidenden, indem er die andere Person von oben herab bemitleidet: “Du Armer…”. (Oft nicht weil er denkt, er stünde über dem Leidenden. Vielmehr, weil er ratlos und hilflos ist.) Das steht der früheren Bedeutung von Mitleid entgegen, die eher unserem heutigen Verständnis von Mitgefühl entsprochen hat.

mitleid

Mitleid führt außerdem zu weniger helfendem Verhalten als z.B. Mitgefühl. Der eigene Schmerz steht im Vordergrund. Menschen die Mitleid empfinden, versuchen Situationen, in denen andere “leiden”, zu vermeiden.

Sympathie

Sympathie ist die gefühlsmäßige Zuneigung, die oft spontan und unwillentlich zu einer Person entsteht. Es ist das Gefühl der Verbundenheit, das wir zu Personen fühlen, die uns z.B. ähnlich sind oder mit denen wir bestimmte Gemeinsamkeiten haben.

A: “Ich liebe Bergsteigen!”
B: “Was? Du auch? Genial!”

Sympathie für eine Person erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass wir Gefühle der Person nachempfinden. Ob Sympathie zu Gefühlsansteckung oder Empathie führt, hängt davon ab, ob der Schmerz der anderen Person zugeordnet wird und die Grenze zwischen beiden Personen intakt bleibt.

Sympathie hat nichts mit der Reaktion auf andere zu tun, die wir sympathisieren nennen:

A: „Ich stehe kurz vor meiner Scheidung…“
B: „Wenigstens hast du einen tollen Job!“

Diese Unterscheidung wird in diesem bekannten Video von RSA und Brene Brown sehr unterhaltsam erklärt.

Was ist Empathie

Empathie unterscheidet sich von Gefühlsansteckung, indem Gefühle zwar nachempfunden, aber nicht als die eigenen übernommen werden. Ich empfinde deinen Schmerz nach, weiß jedoch, dass es sich nur um eine Reflexion deines Schmerzes handelt.

Empathie kann mit Einfühlung in oder Verständnis für eine Person grob übersetzt werden.

Es gibt grundsätzlich zwei verschiedene Formen von Empathie: geistige (kognitive) und emotionale (affektive). Geistige Empathie ist deine Fähigkeit, die Perspektive eines anderen zu übernehmen². Es bedeutet, dass du dich in eine andere Person hinein versetzen kannst. Affektive Empathie erlaubt dir währenddessen, deren Gefühle nachzuempfinden und nicht bloß rational zu verstehen.

was ist empathie

Kognitive Empathie ist unser Versuch, die Situation des anderen rational zu erfassen (Gedankenblase) während uns affektive Empathie das Gefühl am eigenen Körper nachempfinden lässt.

In der Theorie macht es Sinn, zwischen diesen beiden Formen zu unterscheiden, praktisch aber weniger.³ Beide Formen treten meistens im Zusammenspiel auf und bedingen sich wechselseitig.

Das wird zum Beispiel beim Phänomen Psychopathie sichtbar. Wenn Menschen zwar kognitive Empathie sehr stark ausgeprägt haben, aber kaum affektive Empathie zeigen. Sie können Gefühle, Bedürfnisse und Motive sehr gut verstehen, aber empfinden sie nicht wirklich nach. Das scheint, zu einer kalten Gleichgültigkeit gegenüber ihren Mitmenschen zu führen.

Mangelt wiederum die kognitive Empathie, fehlt die notwendige Trennung zwischen der anderen Person und der eigenen Person. Nachempfundene Gefühle werden dann zur Stressquelle.

Eine weitere Unterscheidung des Begriffs Empathie ist Empathie mit anderen und Empathie mit sich selbst (Selbstempathie). Der Sinn der Unterscheidung, ist, aufzuzeigen, dass du Empathie für andere, als auch für dich selbst empfinden kannst. Empathie für andere ist auch zu einem gewissen Grad von der Empathie zu dir selbst abhängig: Können du und ich Prozesse in uns besser erkennen und verstehen, hilft uns das, uns in andere einzufühlen.

Einflüsse auf Empathie

Empathie ist vom Kontext abhängig. Deine Empathie ist nicht immer gleich hoch für alle Menschen und Tiere. Sie hängt von deiner Stimmung, deinen Bewertungen, der empfundenen Ähnlichkeit zur anderen Person und anderen Einflüssen ab. Wenn du einen Mangel oder Überschuss an Empathie erlebst, ist es hilfreich, diese Einflüsse miteinzubeziehen.

Wunderst du dich, ob Empathie eine Eigenschaft oder Fähigkeit ist? Die Antwort ist: Es ist  beides. Kognitive als auch affektive Empathie sind zu einem gewissen Grad als Eigenschaft in uns angelegt. Beide können aber auch, wie jede andere Fähigkeit trainiert werden.

Botschaft und Ausdruck von Empathie

Empathie ist stark mit Akzeptanz verbunden. Die indirekte Botschaft jeder Einfühlung ist: “Wie du dich fühlst, ist verstehbar und normal – du bist OK, wie du bist.”

Empathie kann nicht auf Knopfdruck ausgedrückt werden. Viel wichtiger als jede Formulierung ist die Haltung. Kann ich mich in die andere Person einfühlen? Affektiv als auch kognitiv die andere Person so in ihrer Gesamtheit annehmen, wie sie ist? Kannst du sie als gleichwertiges Individuum sehen?

Mitgefühl

Sympathie, Mitleid, Empathie… was ist denn jetzt Mitgefühl? Stell dir Mitgefühl als ein warmes Gefühl der Fürsorge für jemanden vor. Mitgefühl motiviert dich zu altruistischen Handlungen.

Was ist der Unterschied zu Empathie?

Empathie ist eine Vorstufe zu Mitgefühl. Es motiviert allein noch nicht, dem anderen zu helfen. Je nachdem, ob du dein Erleben vom Erleben des anderen trennst, führt Empathie zu Mitgefühl oder Mitleid⁴. Wenn du für jemanden Mitgefühl entwickelst, fühlst du für diese Person Fürsorge. Dieses Gefühl der Fürsorge ist für den Mitfühlenden kein Stress, sondern wandelt vielmehr die negativ besetzten nachempfundenen Gefühle in positive Gefühle wie z.B. Liebe um.

mitgefühl

Was bedeuten diese Begriffe für den Alltag?

Die Unterscheidung der Begriffe erlaubt dir, den Umgang mit Empathie gezielt zu lernen und zu üben:

Tust du dir schwer, dich von den Gefühlen anderer abzugrenzen, kannst du durch ein eher kognitives Training profitieren. In diesem kannst du z.B. lernen, dein Erleben vom Erleben eines anderen klar zu trennen.

Wenn du die Perspektive anderer kognitv einfach übernehmen kannst und dich von ihrem Erleben gut abgrenzt, du dich aber gern mehr einfühlen können würdest, kannst du die Fähigkeit des Einfühlens gezielt lernen durch z.B. Meditationen über Mitgefühl.

Die Forschung zu Empathie und Mitgefühl macht dich und mich auf die wichtige Verbindung zwischen den beiden aufmerksam: Wenn Empathie zu Mitgefühl führt, kann mit negativ besetzten nachempfundenen Gefühlen besser umgegangen werden. Das macht Mitgefühl-Trainings sehr attraktiv. Zudem…

  • …bist du motivierter, anderen aufrichtig zu helfen.
  • …tust du dir indirekt auch selbst etwas Gutes, weil Mitgefühl deine Resilienz (Widerstandskraft in herausfordernden Situationen) stärkt.
  • …vermeidest du, dass hohe Einfühlung zu persönlichem Stress wird.

Mitgefühl-Training in Form von z.B. Meditationen macht also immer Sinn. Egal, ob deine kognitive oder affektive Empathie mehr ausgeprägt ist.

Ein britischer Soldat meinte, sie hätten nach diesem Weihnachten nie freiwillig wieder die Waffen aufgenommen.

Ein britischer Soldat meinte, er und seine Kameraden hätten nach diesem Weihnachtsfrieden nie freiwillig die Waffen wieder aufgenommen.

Der Weihnachtsfrieden in Flanders dauerte an manchen Stellen bis in das neue Jahr (1915). An anderen Stellen wurde bereits am nächsten Tag weitergekämpft. Auf beiden Seiten verboten nach einiger Zeit Generäle Verbrüderungen und legten drakonische Strafen fest. Kurz darauf fügten sich die Soldaten ihren Befehlshabern und schossen wieder aufeinander.

Die Geschichte zeigt uns: Empathie kann eine unglaubliche Kraft entfalten. Aber kann sie alleine Frieden und Achtung in die Welt bringen? Wie müssen wir unser System ändern, damit Empathie sich voll entfalten kann? Inwiefern trägt Empathie dazu bei, dass sich unser System wandelt?

Ich hoffe du konntest dir aus diesem Artikel was mitnehmen. Ich freue mich über deine Kommentare zu den Diskussionsfragen und einen Austausch darüber.

Alles Liebe,
Raphael

Quellen, Fußnoten und mehr zum Thema

¹ Empathie, Mitleid, Sympathie, Mitgefühl etc. sind Begriffe, die teilweise schon sehr alt sind und eine lange Geschichte haben. Es gibt nicht die eine Definition oder Sichtweise auf diese Begriffe. Es gibt zahlreiche. In diesem Artikel beschrieb ich die Begriffe aus einer modernen psychologischen Sicht. Aber selbst in der psychologischen Literatur gibt es keine einheitliche Verwendung der Begriffe. Die Begriffe in diesem Artikel sind an den angegebenen Quellen angelehnt.
² Kognitive Empathie wird auch als Theory of Mind bezeichnet.
³ Der wissenschaftliche Begriff für kognitive und affektive Empathie wird als empathische Perspektivenübernahme bezeichnet.
⁴ Mitleid wird in manchen Quellen auch als empathischer oder persönlicher Stress bezeichnet.

Empatische Zivilisation – Jeremy Rifkins

Über den Weihnachtsfrieden: Der kleine Frieden im Großen Krieg – Michael Jürgs

DasGehirn.info: Psychopathen – eine Welt ohne Empathie

De Waal, F. B. (2008). Putting the altruism back into altruism: the evolution of empathy. Annu. Rev. Psychol., 59, 279-300.

Klimecki, O. M., Leiberg, S., Ricard, M., & Singer, T. (2013). Differential pattern of functional brain plasticity after compassion and empathy training. Social Cognitive and Affective Neuroscience, nst060. http://doi.org/10.1093/scan/nst060

Singer, T., & Klimecki, O. M. (2014). Empathy and compassion. Current Biology, 24(18), R875–R878. http://doi.org/10.1016/j.cub.2014.06.054

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