Bewerten jenseits von richtig und falsch

In diesem Artikel geht es darum, warum deine Art zu bewerten einen Unterschied macht. Und wie dieser Unterschied dein Leben ändern kann. Bevor du weiterliest, lade ich dich ein, folgende Frage zu beantworten:

Wie bewertest du dich selbst und andere, in Situationen, in denen sich jemand dir gegenüber abfällig verhält? (Du also bildlich mit Scheisse beworfen wirst.)

bewerten jenseits von richtig und falsch

Wie bewertest du dich oder andere, wenn dich jemand mit Scheisse bewirft?

Was ist deine Antwort?

Übliche Bewertungen in dieser Situation könnten z.B. sein:
“Selber schuld, wenn man es zu lässt, dass andere auf einem rumtrampeln.”
“Dieser arrogante Schnösel hat nichts besseres zu tun, als unnötige Kommentare abzugeben.”

Im Blickpunkt dieses Artikels ist, was die Urteile gemeinsam haben.
Wie sie dich im erfolgreichen Umgang mit herausfordernden Situationen blockieren und eine alternative Weise zu bewerten.

Mit Scheisse beworfen zu werden, ist unangenehm. Daran wird das, was ich jetzt schreibe, nichts ändern. Hier kommt keine Ansage wie: „das hat doch auch was Gutes“ oder „sieh doch die positiven Konsequenzen, die daraus kommen“. Das zu sagen, würde ja meinen, dass ich gut heiße, was passiert ist.

Es gibt Situationen in unserem Leben, die waren blöd und sind es immer noch und werden es immer bleiben. Ich will den Fokus auf eine andere Frage legen:
Was willst du daraus machen? Was brauchst du, sodass du optimal damit umgehen kannst?

Alltäglicher Umgang mit schwierigen Situationen

Was machen Menschen gewöhnlich in Situationen, die sie belasten?
Eins der ersten Dinge ist: Sie bewerten diese. Das ist ganz natürlich. Jeder Mensch macht das, ganz automatisch und stetig.

In herausfordernden Situationen sind Bewertungen häufig Vorwürfe.

  • „Er ist ein arroganter Schnösel.“
  • „Selber schuld.“

Diese Urteile haben zwei Dinge gemeinsam:

  • etwas bzw. jemand ist richtig oder falsch
  • Maßstab dieser Urteile ist: Moral bzw. eigene Vorstellungen.

Diese Urteile erfüllen eine wichtige Funktion. Sie geben Menschen Orientierung. Welches Verhalten ist förderlich? Welches ist weniger förderlich?

Sie erzeugen auch jede Menge Leid.

Menschen tendieren nämlich dazu, richtig und falsch als eindeutig zu interpretieren.
Ganz nach dem Highlander Modell: es gibt nur ein Richtig und das ist zufällig meines. Und alles, was meinem Richtig nicht entspricht, ist falsch. Aber so richtig falsch.

highlander prinzip

Das Highlander Modell: Es gibt nur ein Richtig. Und das ist zufällig meins.
Von Gunther Schmidt

Dieses Prinzip wenden wir auf unsere Mitmenschen an (wie im Highlander Modell), aber auch auf uns selbst. Tust du etwas, was deinen Vorstellungen von richtig und falsch nicht entspricht, bist du fehlerhaft. (zB. Ich lasse andere auf mir rumtrampeln, also bin ich falsch bzw. selber schuld).

Jeder der diese Art zu bewerten hilfreich findet, kann das tun. In meiner Erfahrung ist die Wirkung solcher Urteile oft unangenehm:

Ich lade dich zu einem kurzen Experiment ein. Sag dir zu dir selbst folgenden Satz:

„Selber schuld, wenn ich Leute auf mir rumtrampeln lasse.“

Welche Gefühle löst, dieser Satz in dir aus? Sind diese Gefühle hilfreich, um optimal und zieldienlich mit einer schwierigen Situation umzugehen?

(Nimm dir kurz Zeit.)

Was ist deine Antwort?

Meiner Erfahrung nach ist diese Bewertung nicht hilfreich. Dieser Satz kommt nicht von irgendwo. Ich habe mir ihn selbst über lange Zeit gesagt. Über zwei Jahre lang mal mehr und mal weniger intensiv, hatte ich den Eindruck mit mir ist etwas falsch. Wenn ich einen Misserfolg hatte, kam es in meinem Inneren von allen Seiten: „Du bist falsch, du bist falsch!“

Ich empfand Stimmungsschwankungen, fühlte mich depressiv und hatte starke Schamgefühle.

Durch Achtsamkeit und Freunde konnte ich mir zum Glück etwas später Abstand schaffen.

Ich fühlte mich aber noch etwas nervös. Ich wollte verstehen, was los ist, wenn ich mich besonders deprimiert fühlte. Ein halbes Jahr nachdem die Gefühle etwas abgeflaut waren (ich war gerade zu Besuch in einem Kloster), verstand ich plötzlich den Grund für die Besserung. Ich habe unter anderem intuitiv begonnen, nach einem neuen Maßstab zu beurteilen. Meine Vorstellungen über richtig und falsch waren nicht mehr ausschlaggebend. 

Ich fragte mich nicht mehr: „Was ist falsch?“ sondern, „Was ist für welches Bedürfnis oder Ziel hilfreich?

 

Die Sonnenseite von Bewertungen

Um deine Bewertungen zu transformieren, brauchst Du einen neuen Maßstab. Weg von Vorstellungen über Richtig und Falsch hinzu? Hinzu was?

Was sich nach meiner Erfahrung besonders gut dafür anbietet: Menschliche Grundbedürfnisse

Bedürfnisse sind cool. Jeder hat sie. Es fällt uns leicht, sie zu verstehen und zu akzeptieren.

Anders als moralische Vorstellungen.

Jede Kultur, jede Gesellschaft und jeder Mensch hat eigene moralische Vorstellungen. Jeder hat eine eigene Meinung darüber, was zu viel, zu wenig, genau richtig und absolut falsch ist. In manchen Kulturen ist Egoismus schlecht, in anderen gut.

Auf der Bedürfnisebene ist Egoismus weder gut noch schlecht, sondern hilfreich bzw. wenig hilfreich ein sinnvolles Bedürfnis zu erfüllen. In dem du dich auf ein anerkennenswertes Bedürfnis beziehst, durchbrichst du den Teufelskreislauf, dich oder andere für etwas abzuwerten.

Um ein paar Beispiele zu nennen: Bedürfnisse sind z.B. der Wunsch nach Liebe, Sicherheit, Zugehörigkeit. Ist es falsch sich nach Liebe zu sehnen? Hier gibt es kein Richtig und Falsch.

Wie sehen jetzt also diese Bewertung in der Praxis aus?

Beispiel: Jemand verhält sich dir gegenüber abfällig.

Wie bewertest du dich selbst:

„Ich werde sauer, weil mir ein achtungsvoller Umgang wichtig ist.“ (Fokus liegt auf dir und deinem Bedürfnis (höheren Ziel): ein achtungsvoller Umgang miteinander)

vs.

„Selber schuld“ (Fokus auf dir und der Vorstellung, dass jemanden auf sich rumtrampeln lassen falsch ist)

Jedes Urteil mit dem Fokus auf Richtig und Falsch, kann in ein Urteil mit Fokus auf ein höheres Ziel übersetzt werden.

Beide Arten zu urteilen erfüllen diesselbe Funktion: Sie geben dir Orientierung. Deren Wirkung könnte aber unterschiedlicher nicht sein.

Klingen menschliche Bedürfnisse etwas ungewohnt für dich, kannst es auch anders nennen (z.B. höheres Ziel, dein Anliegen etc.). Wichtiger ist das Prinzip, sich in Bewertungen auf dein Bedürfnis zu beziehen. Im Optimalfall ist dieses Ziel von möglichst vielen Menschen anerkannt.

Welchen Unterschied machen für dich diese beiden Bewertungen? Ich will nicht in der Richtig- und Falsch-Logik bleiben und schreiben, eines sei richtiger als das andere. Entscheide für dich selbst: Welche Art von Bewertung ist förderlich für deine Ziele und Bedürfnisse?

Wir sind es gewohnt, in Richtig und Falsch zu denken (und zwar das wirklich richtige Richtig und Falsch – meinem eigenen). Es passiert ganz automatisch. Willst du diese Gewohnheit ändern, dann lass dir Zeit. Wenn du bemerkst, dass du anderen oder dir selbst Vorwürfe machst, ist das in Ordnung. Eine Haltung der Achtsamkeit (akzeptieren was ist), kann dir dabei sehr helfen.

Ein Artikel wird dein Leben nicht ändern. Doch deine Art zu bewerten, die kann das.

Der Post war eine harte Nuss. Sehr komplex. Es war jedenfalls gut gemeint. War es denn auch hilfreich? 🙂 Schreib ein Kommentar: Ich freue mich, deine Sicht kennen zu lernen.

Quellen und mehr zum Thema
42 Schlüsselunterscheidungen Liv Larson
Gewaltfreie Kommunikation MB Rosenberg

Fotos:
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© Depositphotos.com/beachboxy10
© Depositphotos.com/bbbbar

  1. Gudrun (von Liisbet) Antworten

    Superspannend! Find ich super, dass du es dem Leser/Leserin freilässt wie er oder sie sich letztlich entscheidet und nur Anregungen gibst und noch dazu in einer zwanglosen, lockeren Alltagssprache! Freu mich auf weitere Beiträge 🙂

    • Raphael Antworten

      Hallo Gudrun!

      Danke für dein Kommentar! 🙂
      Freut mich, dass du das auch so wahrnimmst: Genau das ist nämlich mein Ziel.
      Sollte es mal nicht so rüberkommen, erinnere mich bitte 😀
      Freu mich darauf mehr von dir zuhören.

      Alles Liebe,
      Raphael

  2. V. Antworten

    Lieber Raphael,
    deine Gedanken sind es wert geteilt zu werden 😉
    Ich habe gleich begonnen das auf meine eigenen Alltagsbeispiele umzuwälzen. Da sind dann gleich neue Fragen aufgetreten…
    Bist du auch bereit direkt auf Fragen einzugehen, oder möchtest du den Lesern untereinander mit den Kommentaren die Möglichkeit geben ihre Gedanken auszutauschen?

    Konkret mal meine Frage:
    Was mache ich, wenn ich eine Person habe, die sich mir gegenüber immer wieder abfällig verhält? Ich kann zwar meine Bewertung verändern, trotzdem bin ich jedesmal wieder der Situation ausgeliefert. Ich erkenne auch ganz klar meine Bedürfnisse, meinem Gegenüber sind diese aber nicht bedeutsam genug, bez. will oder kann er sie nicht verstehen. Es ist nicht immer einfach sich selbst zu schützen. Man steckt ja doch in Normen, Regeln, Wertvorstellungen UND Alltagsaufgaben fest.

    Ok es ist doch keine konkrete Frage geworden 😉 Jetzt versteh ich, warum es auch dir schwer gefallen ist die Dinge ganz klar auf den Punkt zu bringen und man wünscht, dass der andere hoffentlich versteht was man meint.

    Ich freue mich auf deine Antwort
    V.

    • Raphael Antworten

      Hallo V,

      danke für dein Kommentar und finde ich toll, dass du gleich dazu bereit warst, das auf deine Alltagsbeispiele umzuwälzen. 🙂

      Deine Frage finde ich sehr berechtigt und wertvoll.
      Es gibt dafür meiner Meinung nach keine eindeutige Antwort. Ein paar Gedanken/Ideen fallen mir dazu ein. Ich teile sie hier einfach mal in diesem Kommentar und du kannst dann für dich beurteilen, ob etwas davon für dich hilfreich ist.

      Eine Situation in der sich jemand wiederholt abfällig dir gegenüber verhält, finde ich, ist blöd. Und keine Bewertung der Welt, kann das schön machen. Solche Bedingungen sind schwer und dürfen so bleiben.

      Das im Auge behaltend, würde ich dich dafür gewinnen wollen, die Person zunächst als Restriktion zu sehen. (dh. als etwas worauf du keinen direkten Einfluss hast). Das macht auch nichts leichter, es rückt aber den Fokus vom Verhalten der Person auf „Wie kann ich optimal mit dem Verhalten umgehen?“
      Wäre das für dich stimmig für dich? Diese „Lösung“ wäre dann bloß Champignon zweiter Wahl. Die beste Lösung wäre natürlich, dass die Person, sich dir gegenüber anders verhält.

      Eine Art mit solchen Situationen besser umzugehen, ist durch deine Bewertungen. Wenn mir gegenüber jemand eine Bemerkung macht wie: „Du kapierst das nicht.“ dann spüre ich starke Emotionen (zuerst Angst, dann Wut). Die Arbeit mit meinen Bewertungen hilft mir, mit diesen Gefühlen klar zu kommen. Und das wiederum stärkt mich später im Umgang mit der Person.

      Ich fand deine Frage sehr bereichernd. Ich hoffe, in meiner Antwort, war auch irgendwas Hilfreiches dabei für dich. 🙂

      Alles Liebe,
      Raphael

  3. Widerstand wagen für eine friedliche Welt. Antworten

    […] Mit diesen Bewertungen machen wir uns oft auch selbst fertig: Wir alle haben gewisse Vorstellungen, wie etwas richtig sein soll. Und wenn ich dem nicht entspreche, gebe ich mir selbst die Zuschreibung “Ich bin falsch – etwas stimmt mit mir nicht”. Das passiert oft automatisch, manche Menschen (wie ich) neigen mehr dazu als andere. Eine Alternative Bewertung dafür findest du weiter unten im Text oder hier. […]

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