4 Gründe Gefühle anzunehmen und wie du das schaffst

Wolltest du irgendwann in deinem Leben unangenehme Gefühle oder Zustände einfach weg haben? Die störende Angst loswerden? Die Konzentrationslosigkeit verschwinden lassen? Ja? Ich auch.

Ich hab’s auch versucht. Doch gelungen ist es mir nicht. Ich bin kläglich gescheitert, mich von diesen Gefühlen zu befreien. Es wurde sogar schlimmer. In diesem Artikel findest du, warum es mir so ging, wie du dir dasselbe Schicksal ersparen kannst und was es dir bringt deine Gefühle zu akzeptieren.

 

Gefühle annehmen für nachhaltige Veränderung

 

Früher glaubte ich, wenn mich ein Gefühl stört, muss ich dagegen ankämpfen.

Das war ein grobes Missverständnis. Aus vier Gründen:

 

#1 Netzwerke, die sich im menschlichen Gehirn gebildet haben, können nicht gelöscht werden.

 

Existiert einmal ein Netzwerk (für z.B. Angst), dann ändert sich vielleicht die Größe und die Verbindungen mit anderen Netzwerken. Es kann aber nicht gelöscht werden.
Klartext: Angst und andere Gefühle sind unsere lebenslangen Begleiter (Partner?).

 

#2 Unangenehme Gefühle und andere Zustände sind wertvolle Signale für Bedürfnisse. ¹

 

Unser Körper (Organismus, Seele…) signalisiert uns dann: „Stopp nicht mit mir. Ich brauche jetzt etwas.“ Diese Signale vollständig zu löschen, wäre fatal. Menschen die z.B. aufgrund einer Krankheit keinen Schmerz empfinden, haben eine weitaus geringere durchschnittliche Lebenserwartung.
Klartext: Es ist nicht nur unmöglich Gefühle für immer zu löschen, das zu tun würde dir auch schaden.

 

#3 Gefühle (bzw. andere automatische Prozesse) sind schneller und stärker als bewusste Prozesse (dein Verstand).

 

Du kannst dir noch so viel wünschen, der Stress soll weg gehen, deinem Organismus ist das Wurst (und er wird sich durchsetzen). ²
Klartext: Stellst du dich deinen Gefühlen entgegen, ist das so, als ob du dich als Fußgänger einem Auto entgegen stellst. Es wird dich einfach überfahren.

 

#4 Dein Organismus reagiert auf den Fokus deiner Aufmerksamkeit.

 

Ist dein Ziel, Stress los zu werden, dann ist der Mittelpunkt deiner Aufmerksamkeit… Stress. Darauf reagiert dein Körper mit noch mehr desselben.
Klartext: Liegt dein Fokus auf Stress, erzeugst du noch mehr desselben. Frage dich stattdessen: Was will ich eigentlich anstatt Stress?

 

Hast du das Ziel, ein Gefühl (z.B. Angst) ganz loszuwerden, wirst du langfristig scheitern. Das ist biologisch so in uns angelegt. Du würdest wichtige Signale ignorieren und die Symptome durch deinen Fokus auf das Problem noch verstärken. Die Absicht ist anerkennenswert, doch der Lösungsversuch wirkt nicht wie gewünscht. Du befindest dich in einem Teufelskreislauf: Jeder Versuch, das Gefühl für immer verschwinden zu lassen, klappt nicht. Mit jedem Mal, mit dem es nicht klappt, fühlst du dich dem Gefühl mehr ausgeliefert.

Wenn du andererseits versuchst, Gefühle anzunehmen, dann gehst du mit diesen Emotionen und entkommst so dem Teufelskreislauf.

Einem Pferd, das gerade durchgeht, stellst du dich nicht entgegen. Du reitest viel mehr mit dem Pferd. Erst wenn das Pferd wieder zur Ruhe kommt, kannst du es wieder in eine Richtung lenken, die du für zielführend hältst.

gefühle zulassen

Entgegenstellen oder mitreiten?

 

Wenn du etwas ändern willst, musst du es zuerst akzeptieren. So wie es ist.

Wenn deine Gefühle einfach sein dürfen, dann kannst du dir überlegen, wie du für deine Bedürfnisse besser sorgen kannst.

Gefühle anzunehmen ist der erste Schritt für nachhaltige Veränderung.

Auch für Therapie wird Akzeptanz genutzt. In der Akzeptanz Commitmenttherapie geht es z.B. darum, zu lernen, unter anderem Gefühle und Zustände zu akzeptieren, die wir nicht direkt kontrollieren können. ³

Ich hoffe ich konnte dich dafür gewinnen deine Gefühle annehmen zu wollen. Das zu tun, ist für mich eine Fähigkeit. Wie jede Fähigkeit kannst du diese trainieren. Ein Weg, dich in dieser Fähigkeit zu üben, ist, den Fokus deiner Bewertungen zu ändern:

 

Veränderung geht durch die Sprache (oder: Wo liegt dein Fokus?)

 

Unsere Sprache und Bewertungen machen es uns nicht leicht Gefühle anzunehmen.

Wenn du schwierige Gefühle empfindest wie z.B. Angst oder Stress, dann geht das nicht selten mit Vorwürfen oder Urteilen einher. Oft hören wir uns dann, zu uns selbst sagen:

„Nur Schwächlinge sind ängstlich.“

„Stress empfinden nur mental schwache Menschen.“

gefühle zulassen

Was sagst du zu dir selbst, wenn du Stress empfindest?

Beide Gedanken beinhalten für mich eine negative Bewertung dieser schwierigen Gefühle. Der Fokus liegt auf der Vorstellung, dass die Gefühle falsch sind und auf dem Ziel, diese loszuwerden.

Wie in #4 kurz erwähnt: Dein Fokus wirkt sich auf deinen Organismus aus. Wie würden sich die beiden Statements auf dich auswirken?

Wie groß oder klein wäre dann deine Angst bzw. dein Stress? Fällt es dir mehr oder weniger leicht, diese anzunehmen?

Experimentiere mit deiner Aufmerksamkeit. Worauf könntest du sie legen, um deine Gefühle akzeptieren zu können?

Probiers mal mit Gemütlichke… äh… Bedürfnissen.

“Stress empfinden nur mental schwache Menschen.” In diesem Beispielsatz kannst du z.B. zwei Bedürfnisse erkennen:

Der Stress könnte für das Bedürfnis nach Sinnbezug und Entspannung stehen. Die Bewertung „mental schwache Menschen“ für die Sehnsucht nach sozialem Anschluss und Zugehörigkeit.

Wenn du also deinen Fokus in eine hilfreiche Richtung umlenken wolltest, könntest du auf die Bedürfnisse hinter dem Vorwurf bzw. Gefühl fokussieren.

Macht das Sinn für dich?

Hinter jedem Gefühl und jedem Vorwurf stecken tiefe Sehnsüchte. Deine Bedürfnisse zu erkennen, hilft dir, deine Gefühle und Vorwürfe zu akzeptieren. ¹

Das ist der Ausgangspunkt dafür, deine Bedürfnisse besser zu erfüllen und mit deinen Gefühlen klar zu kommen.

 

Fazit

 

Gefühle annehmen zu können ist eine wertvolle Fähigkeit. Weil…

(1) …Gefühle sich nicht löschen lassen
(2) …Sie ein wertvolles Signal für Bedürfnisse sind
(3) …Gefühle stärker und schneller als das bewusste Denken sind
(4) …der eigene Fokus auf dem unangenehmen Gefühl und dem Ziel es loszuwerden, den unangenehmen Zustand vergrößert.

Eine effektive Methode zu lernen, Gefühle anzunehmen, ist, ein Notizbuch zu führen. In diesem kannst du jeden Abend Gefühle und Vorwürfe in Bedürfnisse übersetzen. Stell dir die Frage:

 “Was sind/waren meine eigentlichen Herzenswünsche hinter dem Gefühl bzw. Vorwurf?”

 

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Alles Liebe,
Raphael

 

Quellen und mehr zum Thema:
¹ Gewaltfreie Kommunikation – Marshall Rosenberg
² Sternberg, R. (2008). Cognitive psychology. Cengage Learning. S. 68
³ Akzeptanz und Commitmenttherapie (Wikipedia)
Die Zeit

Fotos:
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© Depositphotos.com/wabeno
picjumbo.com

 

  1. Peko Antworten

    Hi Raphael,
    ich finde deinen Artikel sehr hilfreich.
    Ich plage mich schon lange immer wieder einmal damit herum ein Kreisen um bestimmte negative bzw. störende Gefühle und Gedanken irgendwie abzustellen.
    Ist mir jedoch noch nie gelungen.
    Dein praktischer Bericht hat mir da die Augen geöffnet.

    • Raphael Antworten

      Hallo Peko,

      vielen Dank für dein Kommentar. Freut mich zu hören, dass der Artikel hilfreich war.
      Eigene Gefühle zu akzeptieren ist nicht einfach. Wenn du die Gedanken und Gefühle annimmst, kreist du dann noch um die Gefühle oder nimmt deren Intensität ab?

      Das ist oft das Paradox: Wir wollen Gefühle weg haben und sie werden stärker. Wenn wir sie annehmen, wie sie sind, dann nimmt die Intensität zumindest langfristig oft ab (so meine Erfahrung). 🙂

      Alles Liebe,
      Raphael

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