Wie du jemanden durch Zuhören trösten kannst (ohne Schwere)

Ein dir nahestehender Mensch erkrankt und hat eine schwere Zeit. Wie kannst du die Person unterstützen?

Eine einfache, aber nicht leichte, Art, dies zu tun, ist:

aufmerksames Zuhören

Es ist einfach, weil du dazu nicht viel benötigst. Und nicht leicht, weil es dich sehr anstrengen kann. Du in das Problem mit hinein gezogen werden kannst.

Welche Haltungen sind einerseits hilfreich, um durch Zuhören wirksam zu begleiten und andererseits sich dabei nicht zu verkrampfen – entspannt zu bleiben? In diesem Artikel findest du 4 Antworten auf diese Frage.

Wenn du mit Zuhören noch nicht viel anfangen kannst, kannst du im nächsten Abschnitt in Kürze nachlesen, wofür sich Zuhören lohnt:

 

Was es dir bringt

Zuhören schafft Vertrauen. Du beschenkst dein Gegenüber mit deiner gesamten Aufmerksamkeit. Du bist präsent und nimmst, was er sagt, ernst. Deswegen fühlen sich Leute bei dir gut aufgehoben.

Du wirst außerdem merken, dass deine Beziehungen zu einem Ort werden, an dem du dich und deine Nächsten sich wohlfühlen.

Zuhören schafft Verbundenheit. Wenn du zuhörst, sendest du die indirekte Botschaft: “Du bist nicht alleine.” In diesem Moment können du und dein Gegenüber ein Gefühl der Nähe spüren, das langfristig die Beziehung stärkt.

 

Eine Unterscheidung ist vorab wichtig:

Zuhören kann als Technik oder Haltung verstanden werden.

Ein Begriff für Zuhören als Technik ist z.B. “Echoing”. Jemand sagt etwas und ich spiegle kurz zurück, was ich denke, dass er gesagt hat.

A: “Mir geht es mies, mir wurde eben mein Fahrrad gestohlen.”
B: “Dir geht es schlecht und dein Fahrrad ist abhanden gekommen?”

Das ist ein sehr mechanisches Verständnis.

Carl Rogers (Begründer der Gesprächspsychotherapie) beschreibt verschiedene Techniken und Haltungen des Zuhörens. Techniken können kurzfristig wirksam sein, langfristig sind allerdings die Haltungen für die Wirkung ausschlaggebend.

Hast du diese verinnerlicht, wirst du zum natürlichen Zuhörer und kannst so Menschen, die gerade in einer schwierigen Situation sind, gut unterstützen.

Folgende 4 Haltungen, abgeleitet von Carl Rogers, Marshsall Rosenberg und der Beratung allgemein, sind fürs Zuhören zentral:

 

Haltung der Eigenverantwortung

Wer ist wofür verantwortlich?

Wenn sich uns jemand anvertraut, ist unser erster Impuls oft Lösungen anzubieten und Verantwortung für das Problem zu übernehmen. Das ist nicht hilfreich, weil…

  • …du damit eigentlich sagst: “Ich mach das, du schaffst das nicht.” Und du dich so über den anderen stellst.
  • …du dich in den Problem anderer verwickelst und verstrickst und so deine Unbefangenheit verlierst, die für den Gegenüber wertvoll ist.
  • …wenn du dich im Problem anderer verstrickst, das Zuhören sehr anstrengend sein kann.

Darum empfehle ich dir, dir beim Zuhören stets bewusst zu machen, dass dein Gegenüber erstrangig für seine Probleme verantwortlich ist.

Du bist verantwortlich für dein Verhalten und was du sagst, aber nicht für die Probleme deines Gegenübers.

Verantwortung für dich, aber nicht für dein Gegenüber zu übernehmen, hat vier konkrete Vorteile:

  • Du sendest die Botschaft: “Du kannst das eigenständig lösen. Ich begleite dich dabei.”
  • Es strengt dich weniger an – du bist entspannter.
  • Du fällst nicht sofort in die Gewohnheit, Lösungsvorschläge zu machen.
  • Du kultivierst eine offene Anteilnahme, ohne dich im Problem zu verstricken.

 

Akzeptanz und Wertschätzung

Eine Grundhaltung als Zuhörer ist: Was auch immer mein Gegenüber sagt, er hat sinnvolle Gründe dafür. Und zwar auf der Ebene seiner anerkennenswerten Bedürfnisse.

Die Strategien, die jemand wählt, um eigene Bedürfnisse zu erfüllen, können blöd, wenig zieldienlich oder sogar fatal sein. Wichtig ist, dabei nicht zu verwechseln: Meine Anerkennung für seine Person und Bedürfnisse setzt niemals gleich, dass ich mit seinen Strategien einverstanden bin. (Mehr dazu hier).

“Zuhören heißt nicht gleich zustimmen.”

Carl Rogers

Diese Unterscheidung unterstützt dich darin, jemanden in seinem Kern anzunehmen, ohne dem Verhalten zuzustimmen.

Ein positiver Effekt dieser Haltung: Manchmal fällt es Menschen schwer, mit sich selbst achtungsvoll umzugehen. (Obwohl sie oft genau das bräuchten.) Deine achtungsvolle Haltung ihnen gegenüber, kann dann für andere ein Anstoß sein, mit sich selbst genau so umzugehen.

 

Empathie und Offenheit

Menschen haben viele Annahmen, wie die Welt “wirklich” ist. Die Wahrheit halt. Als Zuhörer scheinen wir oft, exakt zu wissen, was genau der Grund für welches Problem ist.

Womöglich sind einige unserer Annahmen auch mehr oder weniger korrekt. Was sie jedenfalls nicht sind: hilfreich beim Zuhören

A: “Irgendwie geht es mir schlecht. Fühle mich niedergeschlagen und habe keine Lust, irgendwas zu tun.”
B: In Gedanken: “Wenn er nur mehr an die frische Luft gehen würde, wäre er bald nicht mehr niedergeschlagen…”

Mit diesen Annahmen geht eine Erwartung einher, dass der andere sich oder sein Verhalten ändern müsste. Doch letzten Endes kannst du zwar vermuten, was dem anderen gut täte, es aber nie genau wissen.

Deswegen stelle alles, was du denkst zu wissen, zurück und sei ganz offen für die Realität, wie sie dein Gegenüber sieht. Erwarte von ihm keine Veränderung und versetze dich in ihn hinein. Dann spürt er, dass du ihn annimmst, wie er ist.

 

Selbstfürsorge und Fremdfürsorge

Wenn du selbst gerade starke Gefühle spürst oder Vorwürfe anderen gegenüber hast, bist du nicht in der Lage zuzuhören.

Beim Zuhören gilt folgende Sicherheitsinstruktion, wie sie in Flugzeugen beim Start durchgesagt wird:

“Sollte es zu einem Druckabfall in der Kabine kommen, öffnet sich eine Deckenklappe über Ihnen und Sauerstoffmasken kommen zum Vorschein. In diesem Fall ziehen Sie eine Maske schnell zu sich heran und platzieren diese fest auf Mund und Nase. Erst danach helfen Sie Kindern und hilfsbedürftigen Personen.

Selbstfürsorge vor Fremdfürsorge.

Nur so kannst du andere wirkungsvoll und entspannt unterstützen.

 

Fazit

Zuhören schafft Vertrauen und Verbundenheit. Es bedeutet dem anderen zu sagen: „Du bist nicht alleine.“

Zentrale Haltungen dafür sind:

  • Den Gegenüber zu akzeptieren und achten.
  • Nicht stellvertretend Verantwortung zu übernehmen, sondern lediglich begleiten.
  • Offen zu sein für seine Perspektiven und Meinungen.
  • Gegebenenfalls zuerst für sich selbst zu sorgen.

Diese Haltungen verinnerlichst du nicht durch bloßes Verstehen. Dazu braucht es viel Geduld und Übung. Dazu werde ich einen weiteren Artikel schreiben. Willst du sofort mehr dazu erfahren, findest du Bücher und Artikel zu Vertiefung in der Quellenangabe.

Jetzt bist du gefragt: Was läuft bereits gut, wenn du jemandem zuhörst? Welche Haltung willst du noch mehr kultivieren?

Schreib mir Feedback oder deine Meinung in ein Kommentar. Hat dir der Artikel gefallen? Teil ihn mit deinen Freunden. 🙂

Alles Liebe,
Raphael


Quellen und mehr zum Thema:
Klientenzentrierte Gesprächsführung – Carl Rogers
Gewaltfreie Kommunikation – Marshall Rosenberg
4 Things You Can Learn From Therapists

Fotos:
© Depositphotos.com/BrianAJackson

  1. Sandra Antworten

    Hallo Raphael, vielen Dank für deinen schönen Blog. Die Strategien zum Zuhören finde ich sehr wichtig. Aus eigener Erfahrung würde ich sagen, dass es hilft, wenn man den „Hilfesuchenden“ auf seine persönliche Freiheit hinweist. Nicht indem man sagt: „Hallo, du bist ein freier Mensch“, sondern indem man z.B. die Gefühle der Scham und der Trauer ernst nimmt. Ich erinnere mich an ein Gespräch, das ungefähr so verlief: A: „Ich möchte mit meiner Schulklasse nicht nach Paris fahren. Was ist, wenn einem Kind etwas zustösst? Mein Ruf als Lehrerin wäre befleckt. Alle würden hinter meinem Rücken schlecht über mich reden. Das könnte ich nicht aushalten.“ B: „Und was, wenn die Kinder mit einem anderen Lehrer fahren und es stösst ihnen dann etwas zu?“ A: „Dann wäre es nicht mein Problem. Ich bräuchte weder Schuld noch Scham zu empfinden“. B: „Verstehe ich dich richtig, dass es dir egal ist, was den Kindern zustösst, solange du dafür nicht die Verantwortung trägst?“ A: Ja, so könnte man es sagen. Und eigentlich schäme ich mich auch dafür“. B: „Wie müsstest du, deiner Meinung nach, handeln und fühlen, um diese Scham vor dir selbst nicht zu empfinden“? A: „Ich müsste ausgelassen mitfahren können und ohne diese grossen Befürchtungen die Klassenfahrt geniessen“. B: „Was hindert dich daran, das zu tun?“ usw., usw. Durch diese Technik wird A zunehmend bewusst, dass er/sie nicht Opfer einer bestimmten Gefühlslage ist, sondern sich gezielt für ein bestimmtes Denken und Fühlen entscheiden kann, welches mit den Erwartungen an sich selbst übereinstimmt.
    Herzliche Grüsse!

    • Raphael Antworten

      Hallo Sandra,

      danke für deinen Kommentar und deine Geduld! Ja, das ist eine nützliche Erkenntnis, die Menschen immer wieder vergessen. Besonders wenn wir in einem „Problem-Erleben“ sind. Den Dialog den du beschreibst, würde ich eher als Lösungsorientiertes-Coaching bezeichnen. Zuhören wäre für mich der Teil, in dem ich mich voll einfühle in das Dilemma, in der die Person steckt. Die von dir gestellten Fragen sind dann der nächste Schritt, um von Aktzeptanz, Empathie hin zu einer Lösung zu kommen.
      Herzliche Grüße dir!
      Raphael

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