Die Kunst des Verlieren: Umgang mit Misserfolgen lernen

„Manchmal muss man erst verlieren, um zu lernen, wie man gewinnt.“

Unbekannt

Mein roter Kegel war nur fünf Schritte vom Ziel entfernt. Fast da. Fast gewonnen. Als dann mein Gegenspieler würfelte, traute ich meinen Augen nicht: Nein!? Er schlug meinen Kegel und ich musste zurück an den Start. Ich hatte Tränen in den Augen vor Wut und Frust (und rannte davon).

Eine Szene von vielen in meiner Kindheit: Ich verlor ein Spiel, wurde wütend und traurig – flüchtete.

Heute bin ich etwas distanzierter und spiele kaum mehr Spiele. Ich raste auch nicht mehr aus, wenn ich verliere – aber eine Herausforderung ist es für mich schon, emotional über den Dingen zu stehen.

Besonders bei Misserfolgen in der Arbeit und in Dingen, die mir wichtig sind, fühle ich mich oft niedergeschlagen oder hoffnungslos.

Seitdem ich blogge und erste Seminare gebe, sind Misserfolge und Erfolge außerdem oft nah beieinander. Kommt Feedback oder nicht? Wie fällt das Feedback aus? Trägt mein Bemühen Früchte? Wird mein Bemühen gesehen?

Manchmal fühlt es sich an wie eine Rollercoaster-Fahrt.

Kürzlich habe ich den Spruch entdeckt “Lower the cost of failure”. Ich fand den Spruch nicht sonderlich ansprechend, er ging mir aber nicht aus dem Kopf. Gerne vergleiche ich mein emotionales Erleben ja nicht mit Buchhaltung. Doch eins wurde mir langsam klar: Meine Rollercoaster-Fahrt ist teuer geworden. Sie war nicht mehr lebendig, leicht, abenteuerlich, voller positiver Aufregung und Energie. Jede/r Talfahrt/Misserfolg machte mich etwas skeptischer. Ich zweifelte an mir.

Das brachte mich mehr und mehr zur Frage:

Wie können wir die emotionalen Kosten unserer Misserfolge verringern?

Oder wie es Mark Manson nennt: How to learn the Subtle Art of not Giving a Fuck?

Ich habe einiges gesammelt, was dir und mir dabei helfen kann: Einige Fehlannahmen, ungünstige Gewohnheiten, was Obama zum Verlieren meint, wie wir mitfühlend mit uns bleiben können, wichtige Bedürfnisse und warum Achtsamkeit und die Kunst des Beobachtens bei Misserfolgen wichtig ist.

Es geht los mit einigen Fehlannahmen:

  1. Wir glauben, wenn wir planen, können uns keine Fehler passieren.
    Wir machen den perfekten Plan und glauben, wir sind vor Misserfolgen geschützt. Missverständnis! Die einzige Gewissheit, nach der wir streben sollten, ist die Hoffnung, dass das, was wir tun, Sinn macht (Vaclaf Havel).
  2. Wir glauben, erfolgreiche Menschen werden plötzlich über Nacht erfolgreich. Missverständnis! Hinter vielen Erfolgen stecken meistens viele Misserfolge oder wie Harry Belfantone sagt:

“Es hat 30 Jahre gedauert, bis ich über Nacht erfolgreich war.”

Nicht nur Fehlannahmen machen das Verlieren teuer, wir haben auch einige teure Gewohnheiten:

Äußeren Dingen die Schuld zuweisen

Die offensichtlichste Gewohnheit ist andere für den Misserfolg verantwortlich zu machen. Das war meine Strategie, wenn ich als Kind verlor: “Der Wind hat den Ball verzogen. Die Spielentwickler haben das Spiel versaut…”

Das finde ich eine ungünstige Strategie. Sie erzeugt unnötig Ärger und bringt dich nicht in einen gelassenen Zustand, um mit den widrigen Bedingungen souverän umzugehen.

Misserfolge vermeiden

Wir wissen genau, was der nächste Schritt wäre. Aber wir tun es nicht oder nur langsam. Unbewusst haben wir Angst vor Misserfolgen und deren emotionale Konsequenzen: Schuld und Scham. Die Verwirklichung unseres Traumes wird dadurch hinausgezögert und wir werden zur Marionette unserer Angst und möglichen Misserfolgen. Beide sind im Zentrum unserer Aufmerksamkeit: Sie bestimmen, wo es hingeht – nicht wir.

Sich vergleichen

Im Buch How to make yourself miserable nimmt Dan Greenberg für eine Übung das Telefonbuch zur Hilfe und wählt einige “beliebige” Namen aus. Einer davon: Wolfgang Amadeus Mozart. Mit 11 Jahren schrieb Mozart seine erste Oper. (Was habe ich eigentlich mit 11 Jahren gemacht? Achja mein Matheheft unter meinem Bett versteckt).

Selbst wenn du im Vergleich gut aussteigst, ist der Trost, den du so gewinnst, hohl und nicht nachhaltig. Lies mehr über das comparing-game.

Gefühle unterdrücken

Mit Misserfolgen gehen oft unangenehme Gefühle einher: Scham, Ärger, Schuld. Der Umgang mit diesen Gefühlen ist herausfordernd. Unterdrückst du die Gefühle – spielst du dich ins Aus. Es gibt zahlreiche Studien die zeigen, dass diese Gewohnheit Menschen psychisch instabil macht. Versuche eher deine Gefühle zu akzeptieren.

Die Fehlannahmen und Gewohnheiten lassen wir jetzt hinter uns. Wenden wir uns den Dingen zu, die du tun kannst, um den Umgang mit Misserfolgen zu erleichtern:

Sei mitfühlend mit dir selbst (und wie du das schaffst)

Sei mitfühlend mit dir selbst, sogar wenn du dir mehr Sorgen machst, als du dafür angebracht hältst.

Wenn ich verliere, ist für mich eines meiner wichtigsten unerfüllten Bedürfnisse Selbstakzeptanz.

OK zu sein, so wie ich bin.

Auch mein Streben nach Kompetenz oder Erfolg ist in Wirklichkeit, ein Streben danach OK zu sein – fundamental okay.

Werte dich für den Misserfolg nicht ab, sondern schaue auf dein unerfülltes Bedürfnis: Ist es auch Akzeptanz? Oder ein anderes Bedürfnis? So kannst du Verständnis für dich und deine Gefühle entwickeln: Du bist genug. Du bist OK und wunderbar.

Die Kunst des Verlierens

Die Kunst des Verlierens studiert man täglich.
So vieles scheint bloß geschaffen, um verloren zu gehen und so ist sein Verlust nicht unerträglich.
Lerne zu verlieren, Tag für Tag.
Akzeptiere den Aufruhr um Schlüssel, die du verlierst.
Ich verlor zwei Städte, verlor zwei Flüsse, einen Kontinent.
Ich vermisse sie, aber es war nicht unerträglich.
Selbst dich zu verlieren, deine scherzhaften Worte;
eine Geste, die ich liebe.
Sogar hier wird es wahr sein.
Ich werde sehen, die Kunst des Verlierens studiert man täglich.
Auch wenn es einem vorkommt, als wär’s (schreib’s auf!)
als wär’s unerträglich.

Elizabeth Bishop

 

Achtsam sein für die eigenen Beobachtungen

Manchmal sehen wir Misserfolge, wo gar keine sind. Wir erklimmen mit unseren Gedanken eine Leiter und verlieren den Boden unter unseren Füßen – den Bezug zur Realität. Wie in meinem Beispiel, als ich Fahrrad fuhr und aus einem ungewissen Fakt einen großen Misserfolg machte.

Verändere deine Beziehung zu Fehlschlägen

Letztendlich läuft es darauf hinaus, deine Beziehung zu Misserfolgen zu verändern.
Was bedeuteten Fehlschläge für dich? Was verstehst du unter Misserfolgen? Hier geht es darum, ein förderliches Verständnis von Misserfolgen zu entwickeln.

Es ist nicht das Gewicht, dass dich runterzieht, sondern die Art und Weise, wie du das Gewicht trägst.

Lou Holtz

Obama liefert eine mögliche Antwort, wie wir Misserfolge verstehen können:

“When is the time you felt most broken?”

“I first ran for Congress in 1999, and I got beat. I just got whooped. I had been in the state legislature for a long time, I was in the minority party, I wasn’t getting a lot done, and I was away from my family and putting a lot of strain on Michelle. Then for me to run and lose that bad, I was thinking maybe this isn’t what I was cut out to do. I was forty years old, and I’d invested a lot of time and effort into something that didn’t seem to be working. But the thing that got me through that moment, and any other time that I’ve felt stuck, is to remind myself that it’s about the work. Because if you’re worrying about yourself—if you’re thinking: ‘Am I succeeding? Am I in the right position? Am I being appreciated?’ — then you’re going to end up feeling frustrated and stuck. But if you can keep it about the work, you’ll always have a path. There’s always something to be done.”

In anderen Worten: Habe einen höheren Sinn, wofür du Misserfolge einsteckst. Eine Vision oder Mission, die du ins Zentrum deiner Aufmerksamkeit stellst. Mach deine Identität nicht von Misserfolgen abhängig und irgendwann wird dieser Satz ganz natürlich für dich: But if you can keep it about the work, you’ll always have a path.

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 Alles Liebe,

Raphael

Quellen und mehr zum Thema:
https://www.facebook.com/humansofnewyork/photos/a.102107073196735.4429.102099916530784/879557375451697/?type=3&permPage=1
The Subtle Art of not Giving a Fuck
http://www.wikihow.com/Overcome-Failure (Ja, so einen Wiki-Artikel gibt es!)

Fotos:

© Depositphotos.com/Aquir014b

  1. Ben Antworten

    Voll gut! (Und danke für die Erwähnung!)

    Lieben Gruß und mach weiter so.

    Ben

    • Raphael Antworten

      Hey Ben,

      danke für deinen Besuch und dein Kommentar. Deinen Artikel habe ich gerne weiterempfohlen, hat mich bewegt.

      Liebe Grüße aus Wien,
      Raphael

  2. Freigeist Antworten

    Hi Raphael!
    Schön einen zweiten Psychologen- Blog aus Wien zu finden 🙂
    Der Artikel gefällt mir sehr gut.

    „Wir glauben, wenn wir planen, können uns keine Fehler passieren.“
    Das führt auch oft zu Grübeln – und das nimmt wahnsinnig viel Energie weg.
    Ich hab früher versucht, Dinge gedanklich „vorauszuplanen“ vor denen ich Angst hatte (Prüfung, erste Fernreise) – seit ich das nicht mehr tue, bin ich viel viel gelassener und hab auch genügend Energie, wenn es soweit ist.

    „Wir glauben, erfolgreiche Menschen werden plötzlich über Nacht erfolgreich.“
    Was mir noch einfällt: Wir glauben, erfolgreiche Menschen würden nicht grübeln und zweifeln.

    Der aktive Umgang mit unseren Gedanken entscheidet über alles

    Lg Moni

    • Raphael Antworten

      Hey Moni,

      danke für dein Kommentar. Ich bin schon gespannt worüber du schreibst und werde dir demnächst einen Besuch auf deinem Blog abstatten. 🙂

      Ja genau, dein Beispiel trifft den Punkt sehr genau. Ich plane etwas aus der Angst heraus, das Ereignis nicht kontrollieren zu können, was mich mehr und mehr fertig macht, weil ich merke – ich kann das Ereignis nicht kontrollieren – egal wie viel ich plane.

      Zum zweiten Punkt: Finde ich eine sehr hilfreiche Ergänzung: Dabei ertappe ich mich auch immer wieder. Ich denke dann die haben’s geschafft, die grübeln und zweifeln nicht etc… (ich schon – deswegen ist mit mir, was falsch :D). Stimme ich dir zu, der bewusste Umgang mit unseren Gedanken ist zentral. 🙂

      LG,
      Raphael

  3. irie Antworten

    Hey Raphael!

    Toller Blog – ich bin beeindruckt! Was und wie du schreibst finde ich sehr ansprechend.

    „Sei mitfühlend mit dir selbst, sogar wenn du dir mehr Sorgen machst, als du dafür angebracht hältst.“ hat mich besonders berührt. (Fast) jedem anderen verzeiht man sogenannte „Fehler“, sieht über Misserfolge hinweg – nichts selbstverständlicher als das. Ist doch menschlich und wichtig um zu wachsen etc. Aber bei den eigenen gelten auf einmal andere Regeln, da vergisst man, dass das Nichterreichen des erwünschten Ergebnisses nicht Ausdruck der eignene Unzulänglichkeit ist.

    Sich selbst ein Freund sein, die eigenen Enttäuschungen liebevoll auffangen und die eigenen Bedürfnisse wohlwollend vorne (!) anstellen, eine solche Haltung würde uns wirklich bereichern. Und wenn man das erreicht hat kann man gar nicht mehr anders, als mit anderen Menschen genauso umzugehen.

    Ich werde weiter stöbern 😉
    Liebe Grüsse, Iris

    • Raphael Antworten

      Hey Iris,

      danke sehr – deine Worte tun meiner Bloggerseele gut. 🙂

      Ja das ist echt ein Paradox, dass wir uns selbst am schwierigsten mit Mitgefühl begegnen können. Stimme dir voll zu.
      Viel Spaß beim Stöbern.

      Liebe Grüße,
      Raphael

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