Interview mit Ortwin Meiss: Was mentale Stärke ausmacht.

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Ortwin Meiss Quelle: Ortwin Meiss

Ortwin Meiss arbeitet mit High-Performern im Bereich Sport (1. und 2. Bundesliga, Weltmeister und Weltrekordler), Kunst und Musik. Unter anderem unterstützt er sie, ihr Potential voll auszuschöpfen und Spaß an ihrer Leistung, Beruf oder Berufung zu haben. Vor einer Woche hatte ich die Chance, ihn für 35 Minuten über mentale Stärke zu interviewen.

Dabei herausgekommen ist eine tolle Übersicht, was mentale Stärke ausmacht. Im Transkript findest du:

  • Was ist für Ortwin Meiss mentale Stärke und wie lässt sie sich entwickeln?
  • Was würde Ortwin Meiss einem 23-Jährigen raten, um mentale Stärke zu entwickeln?
  • Was sind „Fehlerinstruktionen“?

Zusätzlich in der Audiodatei:

  • Wie Ortwin Meiss mit High-Performern arbeitet.
  • Einstellungen die für Ortwin Meiss zentral sind, um mentale Stärken zu entwickeln.

Das Transkript des Interviews findest du weiter unten in diesem Beitrag. Es sind jedoch nicht alle Fragen und Antworten darin enthalten.

Für das vollständige Interview kannst du dir den Mitschnitt des Interviews hier runterladen: Zieh dir die Datei gleich auf deinen MP3 Player und hör dir das Interview beim Joggen, Zugfahren etc. an. Wenn dich die Fragen interessieren, wirst du vom Interview profitieren. Ich habe es selbst während der Bearbeitung schon dreimal gehört und jedes Mal neu daraus Erkenntnisse gezogen.

Ein Wort der Warnung zur Audiodatei: Das Interview fand im Rahmen eines Seminars zu mentaler Stärke statt. Manche der Antworten sind nur im Kontext des Seminars verstehbar und die Qualität der Datei ist mäßig. Ich veröffentliche das Interview trotzdem auch als Audio, weil ich denke, dass trotz Kontextabhängigkeit viele von dem Inhalt profitieren können.

Los geht’s: Lade dir das Interview hier runter oder lies den Text gleich im Anschluss:

Song Credits: „Wired But Disconnected
by duckett

 

R: Kennst du Tony Robbins? Er macht morgens ein Ritual, in dem er sich auf Dankbarkeit und Dinge konzentriert, die er erreichen will. Das bahnt seinen Tag in eine gewünschte Richtung. Machst du auch etwas ähnliches?

Ne mache ich nicht, aber finde ich eine gute Idee. Manchmal mache ich mir morgens einen Plan, was will ich machen. Wenn ich einen Plan mache, dann habe ich gemerkt, dass ich den auch einhalten muss. Wenn man Pläne macht, dann führt einen das Unbewusst so hin, dass es klappt. Wenn ich nicht einhalte, was ich mir vorgenommen habe, dann hat das negative Auswirkungen, alles kommt durcheinander und ich habe das Gefühl es nicht geschafft zu haben.

Es ist schon sinnvoll, sich die Dinge zu erfüllen, die man sich versprochen hat. Vielleicht macht man sich manchmal falsche Versprechungen, dann muss man halt die korrigieren.

R: Was ist mentale Stärke für dich und hast du ein Beispiel dafür?

O: Ich finde es einen wichtigen Aspekt, zu wissen wofür ich etwas tue und mir den Raum zu nehmen und den Raum dann auch zu verteidigen. Mir klar zu machen, ich bin nicht derjenige, der die Erwartungen der anderen zu erfüllen hat.

Ein gutes Beispiel wäre, z.B. in einem Interview. Dann ist es manchmal so, dass die Moderatoren die Fragen mit einem abstimmen. Nun ist es so, dass die Fragen die man bekommt nicht unbedingt die Fragen sind, die man beantworten will, weil die Fragen etwas dusselig sind.

Häufig sitzen dann zwei Typen von Moderatoren vor einem. Die einen fragen irgendetwas – was ihnen halt gerade in den Sinn kommt, weil sie etwas aufgeregt sind. Die anderen fragen ganz bewusst nicht, was abgestimmt war, um einen aufs Glatteis zu führen. Da ist es wichtig, dass man für sich selbst klar macht, warum sitzt man selber da und dann mal auch sagt: “Die Frage finde ich so nicht richtig gestellt, ich würde das gern anders formulieren.”

Noch ein Beispiel von mir: Ich bin vom ndr angerufen worden, als der Baumgartner von der Stratosphäre runtergesprungen ist. Da waren ja die ganzen Zeitungen voll und auch in den Radios hörte man überall: ”Wahnsinn, was der alles hingekriegt hat.” Dabei hat man ja auch gehört, dass der fast draufgegangen ist – das Bewusstsein verlor.

Dann hat mich ein Moderator vom ndr angerufen (Hamburger Gute-Laune-Sender) und mich gefragt:

“Sie arbeiten doch für Extremsportler.”
“Naja extrem nicht, aber ich arbeite für Sportler.”
“Ja können sie was über den Baumgartner sagen. Warum jemand so was macht und was da los ist und so.”
“Geben Sie mir mal 10 Minuten Zeit, ich muss mir noch überlegen, ob ich dazu was zu sagen habe.”

Das finde ich wichtig, dass ich da nicht los laber, bloß weil irgendjemand, was von mir hören will. Man entwickelt keine mentale Stärke, wenn man sich ausrichtet, was andere von einem wollen. Man entwickelt mentale Stärke, wenn man sich danach ausrichtet: “Was will ich denn eigentlich.” Und besonders bei solchen Publikumsgeschichten finde ich es wichtig, mich zu fragen, was ich dazu zu sagen habe bzw. sagen will.

In diesem Fall habe ich halt überlegt, ob ich etwas zu sagen habe oder nicht? Und ich entschied mich: ich habe etwas zu sagen. Und schaltete den Stream ein und hörte nur: “boa geil was der Verrücktes gemacht hat und was haben unsere Hörer schon Verrücktes gemacht.” Alles nur toll toll toll.

Ich sagte ihnen sie können mich hinzu schalten zur Sendung.

“Ja Herr Meiss, Sie sind doch jemand der mit Extremsportlern arbeitet, was motiviert denn diese?“
“Erstens ist es doch interessant für die Menschen, zu sehen wo die eigenen Grenzen sind und eigentlich muss man beim Extremsport schon sagen, dass Menschen die dabei ihr Leben gefährden, unter Dopaminmangel leiden. Diejenigen, die sich dann tatsächlich so extrem gefährden, dass sie fast dabei draufgehen – für die ist das dann manchmal so wie ein fehlgeschlagenger Suizid.”

Dann auf der andren Seite:
“Das ist jetzt eine etwas andere Perspektive.”

Das ist das, was ich meine: Inwiefern ist man in der Lage, selber zu dem zu stehen, was man möchte und dahinter zu stehen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand mentale Stärke entwickelt, wenn derjenige ständig die Erwartungen der anderen erfüllt und guckt, was denken die anderen, was wollen die anderen. Man braucht eine gewisse innere Überzeugung.

Das ist das, was ich meine: Inwiefern ist man in der Lage, selber zu dem zu stehen, was man möchte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand mentale Stärke entwickelt, wenn derjenige ständig die Erwartungen der anderen erfüllt und guckt, was denken die anderen, was wollen die anderen.

Das war ja oft zu beobachten, dass viele Leute, die von etwas überzeugt waren, im Positiven als auch im Negativen, dass die Charisma haben, dass sie in der Lage sind vor vielen anderen Menschen aufzutreten und dazu zu stehen. Das gibt ihnen die Kraft.

R: Passt da für dich Proaktivität auch dazu?

Ja das passt da gut dazu.

R: Wie könnte jemand diese Einstellung kultivieren?

Viele lassen alles so laufen und fragen sich nicht, was willst du eigentlich. Und warten darauf dass sich etwas ergibt. Wichtig ist es aber auch, dass man sich bewegt, damit die Chancen einen auch finden. Das wird oft zu wenig gemacht, wie ich finde.

Was würdest du einem heute 23-Jährigen raten, um mentale Stärke zu entwickeln?

Die Frage habe ich auch schon gestellt gekriegt. Es gibt ein paar wichtige Dinge, die man wissen sollte.

  1. Habe nicht zu viel Respekt vor Wissenschaft. Was wissenschaftlich gilt ist interessengeleitet und manchmal schlichtweg gefälscht. Es wird unglaublich viel Unfug erzählt. Vertraue lieber auf deinen gesunden Menschenverstand und wenn etwas nicht stimmig ist, lauf nicht hinterher, weil es irgendjemand mit Professortitel erzählt. Sei auf eine gewisse Art respektlos. Nicht abfällig aber mache die Augen auf, guck hin und lass dich nicht zu labern.
  1. Höre nicht auf die Leute, die sagen es geht nicht. Sie beschreiben nur ihre eigene Unfähigkeit und eingeschränkten Möglichkeiten. Wenn dir jemand etwas rät, ist das ein Ratschlag, der für ihn passt, der aber nicht zwangsweise für dich passt. Der redet über sich nicht über dich.
  1. Glaube nicht, dass du es irgendwann im Leben geschafft hast. Das ist ein Irrtum. In jedem Alter werden die Karten neu gemischt und du bekommst ein völlig neues Blatt in die Hand und es gibt neue Spielregeln. Du bist für die anderen ein anderer und je nach dem in welchem Alter du bist, sieh das als etwas Positives an.

Glaube nicht, dass du es irgendwann im Leben geschafft hast.

  1. Das, was eigentlich das Leben ausmacht, ist Veränderung und das ist ein ganz wichtiger Punkt: Habe keine Angst vor Veränderung, sondern habe Angst vor Nicht-Veränderung. Derjenige, der stehen bleibt, der ein Jahr später dasselbe macht wie im Vorjahr, dem geht es nicht nur schlecht, der wird auch krank. Das kann ich nachweisen.

R: Wie kannst du das nachweisen? Anhand Erfahrung, Selbstexperiment…?

Da gibt es ein einfaches Experiment. Wie ich es mache ist, ich bitte Menschen sich vorzustellen, wie die Situation gerade ist und sich dann vorzustellen ein Jahr weiter zu gehen und sie haben nichts dazugelernt, keine neuen Leute kennengelernt. Alles ist so geblieben. Sie sollen gucken wie sich sich fühlen und dann drei Jahre weitergehen, fünf Jahre weiter, dann zehn Jahre weiter. Nach fünf Jahren steigen die meisten Leute aus wegen körperlicher Symptome.

Die Vorstellung der Nicht-Veränderung führt ganz stark zu Störung, weil Leben verändert sich. Das ist genau das, was du anders machen kannst. Eine gute Frage, die man sich stellen sollte, ist:

“Wann hast du das letzte Mal irgendwas zum ersten Mal gemacht?”
“Was wäre sinnvoll demnächst zum ersten Mal zu machen?”
“Was hast du letztes Jahr zum ersten Mal gemacht?” Wenn da nichts da ist, dann ist das ein Warnsignal. Ändere es.

  1. Tritt nicht in jemand anderes Fussstafpen. Schau wo sind deine Fähigkeiten. Sei lieber spitz als breit.

Sei lieber spitz als breit.

R: In deinen Seminaren sprichst du von einer Methode im mental Training, die du je nach Kontext, posthypnotische Suggestion, Fehlerinstruktion oder mentales Foul nennst. Kannst du die Methode beschreiben und ein Beispiel geben?

Das ist immer so die Frage, wie man insgesamt sich steuern lässt oder sich auch selber steuert. Man kann das gut deutlich machen durch die mentalen Fouls. Ich wende so etwas grundsätzlich nicht an, außer man provoziert mich endlos oder ich mache mir mal einen Spaß.

Zum Beispiel: Ich spiele da mit jemanden regelmäßig Tennis. Der ist 20 Jahre jünger als ich, der müsste mich eigentlich schlagen. Der ist so ein Sprücheklopfer, ganz netter Kerl aber dann übertreibt er es mal mit den Sprüchen:

“Ich werde dich heute so über den Platz ziehen! Mein Vater hat schon die Fahne gehisst.“
Er hörte nicht auf damit und dann meinte ich:
“Das erinnert mich an den HSV gegen Freiburg, die haben vor dem Spiel auch so getönt, dass sie gewinnen. Beim Einspiel war alles super, aber in dem Moment wo das Spiel losging, ging gar nichts mehr.”

Und beim Einspiel hat mir der die Bälle über die Ohren gehauen – da habe ich mir gedacht, das wird heute aber taff. Kaum ging das Spiel los: der traf nichts mehr. Und dann ging es halt so weiter:
“Boa scheisse, was ist los?”

Was ich dann sagte war:
“Ja man ärgert sich und es wird immer schlimmer.”

Das kommt dann witziger Weise auch so. Man kann das, wenn man das mitkriegt, auch kontern.

Ein anderes Beispiel: Ich spiele mit einem der nicht so wirklich verlieren kann. Die Leute waren früher alle besser als ich, weil ich in den letzten Jahren so nachkomme. Wir sind im ersten Satz, es steht 3:0 für mich.

Der andere fängt an zu lamentieren:
“Das ist blöd. Warum funktioniert das nicht? Wie im letzten Medenspiel. Da habe ich auch 3:0 zurück gelegen und habe dann 6:3 gewonnen.”

Da weiß ich natürlich, was er da will: Das Spiel drehen. Da habe ich gesagt:
“Das ist aber eine Ansage. Da hast du eine Vorgabe gesetzt. Jetzt pass mal auf, dass es nicht 6:0 ausgeht.”

R: Das mentale Foul, war seine Geschichte über das Medenspiel und dein Konter?

Ja genau, das hat er in einer Geschichte verpackt. Sehr geschickt.

R: Das nutzen wir ja auch ständig im Alltag…

Das nützen wir permanent ohne, dass wir es merken oder manchmal auch ohne, dass wir es wollen.

Zum Beispiel sagt eine Mutter zum Kind: “Pass auf, dass du dann wenn XY, du nicht wieder das und das vergisst.”

Sie gibt dem Kind eine posthypnotische Suggestion. Das Kind sollte sich eigentlich an etwas erinnern, faktisch tragt die Mutter so dazu bei, dass das Kind es vergisst.

R: Das erklärt mir etwas über meine eigene Vergesslichkeit…

Das ist auch ein großer Unfug

Leute kommen ganz oft mit Identitäten. Ich hatte diese Woche wieder ein kleines Mädchen in der Praxis. Die Mutter hat erzählt, sie sei introvertiert und schüchtern. Ich habe mir von verschiedenen Situationen erzählen lassen und herausgefunden, dass wenn die Tochter in der Familie ist und sich sicher fühlt, dass die gar nicht introviertiert ist; sondern dann plappert sie ohne Ende.

Die Leute geben sich aber dann so eine Identität: Sie seien introvertiert, anstatt dass sie sagen; zuerst die zweitbeste Variante, danach kommt die Beste:

“Ich habe ein Problem mich in sozialen Situationen wohlzufühlen.”
Die beste Variante: “Ich habe nicht gelernt, mich in sozialen Situationen wohlzufühlen.”

Das ist eine viel bessere Beschreibung der Beobachtung, denn sie impliziert, sie kann das noch lernen.

R: Gibt es noch eine Frage, die ich nicht gestellt habe, die ich aber hätte stellen sollen?

Muss ich überlegen.

Die wirklich wichtigsten Dinge habe ich gesagt: Pass auf, was dir andere erzählen, was du seist und was geht oder nicht geht. Sie erzählen nur von ihren eigenen Einschränkungen und versuchen andere mit hineinzuziehen. Hör dir die Ratschläge von anderen an, dann überprüfe, was dich überzeugt und dann mach es. Lass dich nicht zu irgendwas überreden. Sonst machst du die Dinge halbgar.

Pass auf, was dir andere erzählen, was du seist und was geht oder nicht geht.

R: auch wenn du dich selber überredest…

Ja, alles was du machst, was du eigentlich nicht willst. Wenn du nicht nein sagst, dann wird das nichts oder es wird nie eine gute Leistung. Das ist vielleicht wichtig. Guck was du willst und entscheide dich.

Und wenn du dich entschieden hast, dann stehe zu der Entscheidung. Wenn du dich für einen Workshop entschieden hast, dann mach es auch, wenn draussen schönes Wetter ist. Da könnte ich auf jede Menge Gedanken kommen, was ich sonst noch so machen könnte. Das bringt in dem Moment nichts. Wenn ich merke, ich arbeite zu viel, dann ändere es, aber in der Situation bringt es nichts, sich Gedanken über die Entscheidung zu machen.

In einem Satz zusammengefasst:

Wenn du was tust, dann tu es mit dem ganzen Herzen. Konfuzius

Vielen Dank!

Das war das Interview. Ich hoffe du konntest auch einige Erkenntnisse daraus ziehen.

Welche Erkenntnisse hast du aus diesem Interview gewonnen? Kommentiere:

Ich freu mich von dir zu lesen.

Alles Liebe bis zum nächsten Mittwoch,
Raphael

  1. Peko Antworten

    Hallo Raphael,
    das mit den mentalen Fouls, ich glaube das musst du noch mal in einem eigenen Blog erklären. Ich glaube nur soviel zu verstehen: unser Hirn kann nicht „nicht“ denken. Wenn ich also zu mir sage: „hoffentlich vergesse ich den Regenschirm nicht“, so bleibt im Hirn nur das „vergessen“ zurück und dadurch wird es wahrscheinlicher, dass ich den Regenschirm tatsächlich vergesse. Diese mentalen Fouls kann man anscheinend auch dazu benutzen um einen unliebsamen Zeitgenossen eines auszuwischen. Da wäre es schon gut dies erkennen und abwehren zu können.

    • Raphael Antworten

      Hallo Peko,

      danke für deinen Kommentar!
      Danke für den Hinweis und die stimmige Erklärung! Da werde ich bestimmt noch einen Artikel darüber schreiben, finde ich auch ein spannendes Thema! 🙂

      Liebe Grüße,
      Raphael

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