Ich muss mal. Die Wahl zwischen Pest und Cholera.

Ein einziges Wort kann oft einen entscheidenden Unterschied machen, ob du dich motiviert, begeistert oder energielos fühlst. Deine Sprache zu reflektieren und deinen sprachlichen Ausdruck bewusst zu wählen, ist eine wesentliche mentale Stärke. Deswegen geht es in diesem Artikel um ein sehr verbreitetes Wort:

“müssen”

Eine bekannte Volksweisheit meint dazu:

“Ich muss gar nichts außer sterben. “

Und trotzdem höre ich mich regelmäßig “müssen” sagen.

Grund genug, das Wort näher unter die Lupe zu nehmen. Warum sagen wir “müssen”, obwohl wir alle wissen, dass wir nichts müssen? Was ist die Wirkung dieses kleinen Wortes und was meinen wir eigentlich, wenn wir “müssen” benutzen?

In diesem Post findest du 10 Aspekte, die Licht auf diese Fragen werfen.

 

Die Wahl zwischen Pest und Cholera

Nichts und niemand kann dich zwingen etwas bestimmtes zu tun.

Einspruch!

Was ist, wenn mich ein Bankräuber mit vorgehaltener Pistole zwingt, meinen Geldbeutel raus zu rücken?

Dann hast du die Wahl zwischen:

  • möglicherweise erschossen zu werden
  • oder dein Geld zu verlieren.

Eben, die Wahl zwischen Pest und Cholera.

Die Annahme, dass wir eine Wahl haben, darf kein Verhalten entschuldigen, das andere in schwierige Situationen bringt. Sie soll vielmehr Menschen ermächtigen, unabhängig von schwierigen Kontexten ein sinnvolles Leben zu führen.

 

“Müssen” versteckt Angst

Ich muss, heißt eigentlich oft: Ich wähle X, weil ich vor Konsequenz Y Schiss habe.

Mir ging es eine Weile so mit meinem Studium. Ich meinte, ich muss studieren. Wovor ich eigentlich Schiss hatte, war die vermeintliche Sicherheit meines Studiums aufzugeben und etwas anderes zu machen.

 

“Müssen” als Schutz

“Müssen” könnte natürlich auch heißen: Ich wähle X, weil ich mich vor Konsequenz Y schützen will.

Somit haben wir Angst etwas positiver ausgedrückt. Letztlich ist Angst ein wertvolles Signal für das Bedürfnis sicher und geborgen zu sein.

 

“Müssen” wirkt sich auf deine Stimmung und Gefühle aus

Sag zu dir selbst: Ich muss Blumen kaufen.

Welches Gefühl löst das in dir aus?

Vergleiche den Satz mit oben: Ich will Blumen kaufen.

Hat sich etwas an deinem Gefühl geändert?

 

Die Wahl zwischen “Müssen” und “Verantwortung”

Manchmal ist es bequemer, zu müssen, als Verantwortung für die eigenen Entscheidungen im Leben zu übernehmen.

(Verantwortung zu übernehmen heißt nämlich auch, sich mit den eigenen Misserfolgen auseinanderzusetzen und das ist unangenehm.)

 

“Müssen” wirkt sich auf das Raumerleben aus

Finde einen Satz, indem du etwas musst. (Z.B. Ich muss in die Vorlesung gehen.)

Wie viel Raum spürst du um dich? Ist es eher weit? Oder eher eng?

Tausche “Müssen” mit “Wollen” aus. (Z.B. Ich will in die Vorlesung gehen.)

Wie viel Raum spürst du jetzt? Was hat sich verändert?

 

Die freie Wahl etwas zu müssen

Du stehst immer wieder neu vor einer Grundwahl. Will ich heute müssen wollen? Oder will ich heute einfach so?

 

Der Fokus von “Müssen” liegt auf Zwang

Sagst du „müssen“, fokussierst du auf Zwang.
Sagst du „wollen“, fokussierst du auf deine eigene Entscheidungsfreiheit.

 

“Müssen” wirkt sich auf deine Körperhaltung aus

Ähnlich wie auf dein Raumerleben oder Gefühle wirkt sich müssen auf deine Körperhaltung aus.

Mit welcher Körperhaltung geht das Wort “müssen” einher?

Sind deine Muskeln entspannt oder angespannt?

 

“Müssen” ist praktisch 

Vor allem wenn ich mal nicht Lust habe, über die Konsequenzen meiner Handlungen zu sprechen.

Wer sagt denn auch:

Jetzt will ich aber sofort auf’s Klo gehen, damit ich mir nicht in die Hose mache.

Da ist es doch viel einfacher zu sagen: Ich muss mal.

 

Fazit

Müssen kann praktisch sein, geht in manchen Kontexten aber auch mit großem Druck und Stress einher. 

Solltest du dich gerade gestresst oder energielos fühlen, nimm dir etwas Zeit (besonders wenn du wenig hast!) und halte kurz inne.

Reflektiere, ob sich in dein Denken nicht ein Druck auslösendes “Müssen” eingeschlichen hat.

Was tust du gerade und tust du es, weil du willst? Oder weil du denkst, du musst?

Oft bringt schon das Bewusstsein darüber, dass du aus einer Zwangshaltung an eine Aufgabe rangehst, Erleichterung.

Falls dieser Schritt noch keine Erleichterung bringt, gehe in Kontakt mit deinen Bedürfnissen

Welche Alternative ist eher im Einklang, mit was dir wichtig ist?

Entscheidest du dich dann für eine Alternative, kann das wehtun. Wenn die Wahl einfach wäre, dann würdest du nicht (bewusst oder unbewusst) “müssen” benutzen, um diese Wahl auszudrücken. Beide Alternativen haben im Regelfall Kosten.

Eine bewusste Wahl hat aber einen entscheidenden Vorteil: Du hast mehr Kraft und Motivation, die Kosten der gewählten Alternative zu tragen. Dein Fokus liegt nämlich nicht mehr auf Zwang sondern auf deiner Entscheidungsfreiheit.

Die Alternativen und ihre (möglicherweise unangenehmen) Konsequenzen bleiben die Gleichen, das Gefühl ändert sich aber.

 

Etwas zu müssen ist weder gut noch schlecht. Doch etwas Achtsamkeit und Bewusstsein, wann du es wofür benutzt, schadet nicht. 🙂

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Alles Liebe,
Raphael

 

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