Wann trösten mehr Schmerz auslöst, als es Erleichterung bringt.

Im Buch “When bad things happen to good people” erzählt Harold Kushner, wie sein Sohn erkrankte und starb. Harold trauerte über den Tod seines Sohns und viele Leute versuchten ihn aufzumuntern.

Die Leute meinten es gut, er litt jedoch unter diesen Aufmunterungsversuchen.

Harold schmerzte es, zu realisieren: All die Jahre hatte er Menschen auf genau diesselbe nicht hilfreiche Art trösten wollen, wie er es jetzt durch andere erlebte.

 

Die Geschichte motiviert, sich mit dem eigenen Verhalten auseinanderzusetzen: Wie gehe ich auf den Schmerz anderer ein? Was ist meine Art, anderen zu zuhören und zu unterstützen?

Und ist es für die anderen auch wirklich hilfreich?

Hier sind 7 Versuche, andere durch Trost oder Zuhören zu unterstützen, die oft mehr Schmerz als Erleichterung bringen:

 

Konkrete Lösungsvorschläge machen

Wie geht es dir, wenn dir jemand sofort einen konkreten Lösungsvorschlag macht, nachdem du von einem Problem erzählt hast?

(Nimm dir Zeit)

Was löst das in dir aus?

Menschen wollen zuerst verstanden und in ihrem Leid anerkannt werden und erst dann Lösungsangebote präsentiert bekommen. Deswegen bringen Lösungsvorschläge nichts, wenn sie gemacht werden, ohne, dass danach gefragt wurde.

Zusätzlich kann manchmal, wenn du fremde Lösungsvorschläge angeboten bekommst, ein innerer “Autonomiebeauftrager” anspringen, der dann sofort antwortet:

„Mein Problem, meine Lösung!“

Lösungen sind hilfreich, aber aus meiner Sicht erst, wenn sich das Gegenüber ernst genommen fühlt und nach Lösungen fragt.

 

Sympathie vs. Empathie

Stell dir vor, dir wurde das Fahrrad gestohlen und du hast folgenden Dialog:

A: „Mir wurde heute Nachmittag, obwohl ich es abgesperrt hatte, das Fahrrad gestohlen!“
B: „Oje, das ist schlimm. Das tut mir wirklich Leid für dich!“

Was löst diese Antwort in dir aus? Fühlst du dich erleichtert? Verstanden? Oder eher unwohl?

Die Antwort von B, ist für mich ein Beispiel für Sympathie.

Sympathie ist ≠ Empathie.

Was ist der Unterschied?

Bei Sympathie ist die Beziehung nicht auf dem selben Level. Jemand hat ein Problem, der andere hat keines. Die indirekte Botschaft ist: „Du bist eine Bürde“ bzw. „Du hast ein Problem.“

Bei Empathie empfindest du das Gefühl nach und zeigst so Verständnis für das Gefühl des Gegenübers. Ihr seid beide auf der selben Augenhöhe. Die indirekte Botschaft ist: „Du bist nicht allein mit diesem Gefühl – es ist völlig normal, sich so zu fühlen.“

Wie könnte eine empathische Antwort auf das Fahrradbeispiel aussehen?

D: Mir wurde heute Nachmittag, obwohl ich es abgesperrt hatte, das Fahrrad gestohlen!
X: Dir wurde das Fahrrad gestohlen? Kann mir vorstellen, dass es ein Schock war, das Fahrrad nicht da zu finden, wo du es abgesperrt hast?

Es gibt keine richtige empathische Antwort. Der Empfänger bestimmt, ob er sich verstanden fühlt oder nicht.

Sollte für dich der Unterschied jetzt noch nicht ganz klar sein, schau dir dieses kurze Youtube Video an. Es zeigt den Unterschied unterhaltsam anhand eines Cartoons.

 

Analysieren

Genau so beliebt, wie konkrete Lösungsvorschläge zu machen, ist, die Situation zu analyiseren:

“Ist dir schon öfter das Fahrrad gestohlen worden?”
“Wann war das erste Mal?”
“Wurde deinem Großvater auch schon das Fahrrad gestohlen?” (Womöglich gibt’s eine genetische Veranlagung.^^)
“Wo hast du das Fahrrad abgesperrt?”
“Welches Fahrradschloss hast du benutzt?”

Was Leute damit eigentlich oft fragen (oder Leute in Schwierigkeiten hören), ist:

“Was hast du falsch gemacht?”
oder ”Was ist wie falsch gelaufen?”

Und das ist das Letzte, was jemand in Schwierigkeiten brauchen kann.

Als mein Hals für zwei Monate entzündet war und mich in meinen Freizeitaktivitäten stark einschränkte, wurde ich oft mit solchen Fragen konfrontiert. Die Fragen haben den empfundenen Schmerz jedoch nur verschlimmert. Ich wollte in meinem Problem gewürdigt sein – akzeptiert.

Fragen können ein gutes Mittel sein, neue Perspektiven zu eröffnen, aber erst nachdem sich jemand in seinem Leid gewürdigt fühlt.

 

Eins draufsetzen

B: „Das ist doch nichts. Mir wurden schon vier ganz neue Fahrräder gestohlen!“

So zu antworten, finde ich wenig hilfreich. Es sei denn, das Ziel ist, sich gegenseitig im Leid zu übertreffen.

Was Menschen dadurch sagen wollen, ist: “Sei froh, es könnte noch schlimmer sein.”

Was ankommt ist aber: “Das ist eine Kleinigkeit, reg dich nicht auf.”

Ein Appell für Gelassenheit, der aber keine Gelassenheit bringt.

 

Eine “Geschichte” von mir erzählen

A: “Mir wurde heute Nachmittag, obwohl ich es abgesperrt hatte, das Fahrrad gestohlen!”
B: „Das erinnert mich an damals, da ging’s mir mal ähnlich. Da hat… “

Diese “Geschichte” lenkt vom Thema ab, was ich nicht hilfreich finde. Da gehen allerdings die Meinungen auseinander. Das Kriterium, für eine “Geschichte” als Antwort, ist, ob sich dein Gegenüber durch die Geschichte unterstützt fühlt!

 

Belehren

“Du solltest dein Fahrrad eben an einen Ständer ketten!”

Klassisch 🙂

 

Beruhigen, verharmlosen und Schönfärberei

“Das hat doch auch etwas Gutes. Wer weiß, wozu das noch gut sein kann.” (Wenigstens der Fahrraddieb hat jetzt ein tolles Fahrrad.)

Was oft ankommt, wenn du sagst “das hat doch etwas Gutes”, ist:

“Es ist falsch Trauer/Schmerz zu fühlen, schau auf die positiven Seiten. “

Es gibt Situationen und Probleme, die haben an sich nichts Gutes.

Schönfärberei entwertet den empfundenen Schmerz, der durch eine Situation/ein Problem ausgelöst wurde und unterstützt niemanden.

 

Fazit

Der Artikel gibt dir eine Idee, was nicht hilfreich ist, wenn du jemanden trösten willst. Belehren, analysieren, sympathisieren, eins draufsetzen, Geschichten erzählen und Lösungsvorschläge machen, sind 7 Dinge, die beim Trösten fehl am Platz sind.

Das zu wissen, reicht allerdings nicht aus, um jemanden durch Zuhören und Trost zu unterstützen.

Was sind hilfreiche Haltungen dafür? Was ist ein hilfreiches Vorgehen?

Das thematisiere ich im nächsten Artikel. Bleib am Ball.

Jetzt ist deine Meinung wichtig: Was findest du wenig hilfreich beim Zuhören? Schreibe ein Kommentar!

Alles Liebe,
Raphael

Quellen und mehr zum Thema:
RSA Youtube Video
Gewaltfreie Kommunikation

Fotos:
gratisography (Beitragsbild)

 

  1. Gila Antworten

    Hallo Raphael,
    Danke für den interessanten Artikel, der mir nochmal den Unterschied von Sympathie und Empathie sehr deutlich vor Augen geführt hat. Ich übe mich gerade in diesen Sachen aufmerksam zu sein und tappe dabei immer wieder in meine eigenen Fallen. Ratschläge, Tipps und Sympathie geben sind mir so vertraut, obwohl ich an mir selbst die Gefühle gut kenne, die das auslöst. Bei deinem Artikel habe ich den Unterschied deutlich gespürt. Okay ich bin eine Meisterin die lernt und übt.
    Danke für die heutige Lernsequenz.
    Beste Grüße
    Gila

    • Raphael Antworten

      Hallo Gila,

      danke für dein Kommentar. Es freut mich, wenn der Artikel für dich hilfreich war. 🙂

      Ja die Gewohnheiten umzustellen, ist nicht einfach und stellt auch für mich täglich eine Herausforderung dar. Da finde ich deine Einstellung sehr wertvoll: Eine Meisterin die lernt und übt.

      Was mir dabei hilft, (gebe ich jetzt einen Tipp? :D) ist, annehmend mit mir umzugehen. Wenn mir mal etwas nicht so hilfreiches rausgerutscht ist. (Und wer weiß, vielleicht war es am Ende doch hilfreich für den anderen? Denn wie die/der das Kommentar fand, sollte das eigentliche Kriterium sein, ob es förderlich war oder nicht)

      Liebe Grüße,
      Raphael

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