Mind the gap: 4 Fallen der Gewaltfreien Kommunikation

Kennst du die Aufschrift „mind the gap“ am Bahnsteig der Londoner U-Bahn, die dich auf die Lücke zwischen Wagon und Bahnsteig aufmerksam macht? Seit sechs Jahren übe und praktiziere ich die Gewaltfreie Kommunikation. In diesen sechs Jahren bin ich immer wieder ordentlich gestolpert. Ich hätte so einen Warnhinweis gebraucht oder besser noch einen Artikel, der mich auf Stolpersteine aufmerksam macht und mir Hinweise gibt, wie ich diese umschiffen könnte.

In diesem Artikel beschreibe ich vier solche Stolpersteine, über die ich und andere gestolpert sind, damit Du von dieser Erfahrung lernen und bessere Entscheidungen treffen kannst.

Das erste Mal ordentlich gestolpert bin ich, als ich Selbstempathie missverstanden hatte:

Wenn die Lösung zum Problem wird

War ein Seminartitel von Paul Watzlawick und ist eine passende Überschrift für die erste Falle. Als ich in den ersten zwei Jahren GFK praktizierte, war Selbstempathie eine der hilfreichsten Anwendungen für mich. Wenn ich in herausfordernden Situationen war, konzentrierte ich mich auf meine Gefühle und Bedürfnisse und schon spürte ich Erleichterung.

Dieser erleichternde Effekt funktionierte so gut, dass ich die Technik nahezu immer anwandte, wenn ich “negative” Gefühle empfand. So konnte ich meine negativen Gefühle auflösen und sofort Erleichterung schaffen. Langfristig richtete ich durch dieses Muster jedoch Schaden an, der mir nicht bewusst war.

Wie schadete mir dieses Muster?

Ich habe gelernt Selbstempathie zu nutzen, um unangenehme Gefühle verschwinden zu lassen. Wenn ein unangenehmes Gefühl auftauchte, konzentrierte ich mich rasch auf mein Bedürfnis, hatte einen Moment des Verstehens und das unangenehme Gefühl war weg.

Wenn ich beispielsweise spät am Abend mehr Filme schaute, als mir gut getan hat, bekam ich ein schlechtes Gewissen. Anstatt aufzuhören konzentrierte ich mich auf die Bedürfnisse hinter dem Gewissen: “Aha, ich möchte Änderung bewirken, einen sinnvollen Beitrag leisten und auf meine Lebensbalance achten.” Ich habe meine Bedürfnisse ergründet, das schlechte Gewissen war weg und ich konnte in Frieden weiter Filme bis spät in die Nacht hinein schauen.

Ich nutzte Selbstempathie, um meine Gefühle loszuwerden, nicht um mich an meinen Bedürfnissen zu orientieren und ein ausgeglichenes, sinnvolles und erfülltes Leben zu führen.

Als ich 21 war kämpfte ich immer wieder mit meinem Glauben, mit mir stimme etwas nicht. Ich fühlte oft Scham und empfand mich als wenig selbstbewusst. Wann immer diese Scham oder Unsicherheit auftauchte, konzentrierte ich mich auf meine Bedürfnisse und das unangenehme Gefühl war für einen Moment weg. Aber nur für einen Moment…

Es dauerte meistens nicht lang, bis ich wieder diese unangenehmen Gefühle fühlte: Scham, Unsicherheit, Angst… Wieder versuchte ich die Gefühle loszuwerden, indem ich mich auf meine Bedürfnisse konzentrierte und wieder waren sie momentan verschwunden – doch sie kamen immer wieder. Langfristig fühlte ich mich diesem Erleben ausgeliefert und zur Scham gesellte sich auch die Hoffnungslosigkeit.

Die Art und Weise wie ich Selbstempathie anwandte wurde zum Problem. Es verstärkte das Problem, in dem ich etwas entfernen wollte, was sich schlichtweg nicht entfernen ließ. Selbstempathie gab mir die Illusion, ich könne die Gefühle einfach ausschalten, doch das konnte ich nicht.

Ich war noch nicht bereit für diese Technik. Ich habe einen wichtigen Teil dieser Methode noch nicht verstanden: Nämlich die Haltung, mit der Selbstempathie angewendet wird.

Wie ich im Artikel über 4 Gründe Gefühle zu akzeptieren, geschrieben habe, lassen sich Gefühle nicht unterdrücken. Sie lassen sich nicht ausschalten. Erst wenn ich die Gefühle wahrnehme, sie akzeptiere und einfach mit den Gefühlen bin, können Gefühle ansteigen und ganz verschwinden, um irgendwann wieder ausgelöst zu werden(oder auch nicht).

Mir fehlte der akzeptierende Kontakt mit meinen Gefühlen. Ich konnte meine Gefühle nicht aushalten und deswegen konzentrierte ich mich sofort auf meine Bedürfnisse. Durch diesen Fokus fühlte ich mich erleichtert. Doch es war ein schales Gefühl der Erleichterung, es hinterließ mit jedem Mal ein etwas größeres Stück Leere in mir.

Das Herz jedes (Selbst)empathie Prozesses ist Akzeptanz und Achtsamkeit: Wenn ich meine Gefühle noch nicht akzeptieren kann, dann profitiere ich von Selbstempathie nicht – es kann mir sogar schaden. Wie in meinen Beispielen oben.

Wenn du diese Falle vermeiden willst, verbinde dich achtsam und akzeptierend mit deinen Gefühlen, bevor du dich darauf konzentrierst, was dir wichtig ist (deine Bedürfnisse).

Selbstempathie wird also zur Falle, wenn wir das Ziel der Selbsteinfühlung vergessen: Was ist achtsam zu akzeptieren und unsere Werte zu erkennen und leben!

In der zweiten Falle geht es auch um ein Ziel, das wir vergessen.

Der Wolf im Schafspelz

Im Buch Gewaltfreie Kommunikation wird empathische Selbstausdruck durch eine einfache Formel angeleitet: Teile der anderen Person, deine Beobachtung, dein Gefühl und dein Bedürfnis mit – in dieser Reihenfolge und ohne Urteile.

Mit der Zeit lernen wir uns besser und besser so auszudrücken und unsere Formulierungen werden immer geschickter, natürlicher und präziser. Während wir uns auf diesen technischen Teil der GFK konzentrieren, geht die Haltung und die Absicht der GFK oft verloren.

Wir kommen alle in Momente, in denen wir kochend vor Ärger unser Anliegen geschickt nach den vier Schritten formulieren. Alles was wir aber eigentlich wollen, ist der anderen Person eins auszuwischen – Schmerz, den sie uns zugefügt hat zu vergelten.

Wir werden dann metaphorisch zum Wolf im Schafspelz. Nach außen hin kommunizieren wir Gefühl und Bedürfnis aber innerlich wollen wir uns rächen, indem wir die andere Person beschämen oder beschuldigen.

wolf im schafspelz

In dem wir uns nach außen gewaltfrei geben, innerlich aber nicht diese Absicht haben, werden wir zum Wolf im Schafspelz.

Marshall Rosenberg startete viele seine Seminare mit dem Satz:

Heute geht es um eine Fähigkeit, die ihr alle kennt – es geht um ein natürliches Geben und Nehmen vom Herzen.

Die Gewaltfreie Kommunikation ist nicht eine bloße Technik. Sie ist eine Technik, die mit einem Ziel und einer Haltung verknüpft ist. Wendest du GFK ohne dem Ziel vom Herzen zu geben und zu nehmen an, dann ist es eine lose Technik, aber nicht GFK.

In meiner GFK Praxis nutze ich einen fünften Schritt, um diese Falle zu vermeiden: Bevor ich etwas sage, verbinde ich mich mit meiner Absicht. Was will ich mit meiner Aussage erreichen? Ist das im Einklang mit den Prinzipien der GFK? Oder will ich andere bestrafen, beschämen oder Rache nehmen?

Wir nutzen GFK, um uns zu verstecken

“Du hast mir damals nicht die Wahrheit erzählt!!”
“aha – bist wütend und brauchst Ehrlichkeit?”
*noch wütender* “Du machst mich fertig!!”

Es gibt zwei Wege wie du in diese Falle gelangst:

1) Du formulierst deine empathische Vermutung nicht als Vermutung oder Frage, sondern als Interpretation und Analyse.

“Bist du wütend und brauchst Verständnis?“
“Aha du bist wütend und brauchst Verständnis!“

Es gibt einen kleinen Unterschied in der Tonlage zwischen Frage und Analyse und dieser kleiner Unterschied reicht aus, dass eine wütende Person durch die Decke geht.

2) Du willst dich nicht verletzlich zeigen: Die Wahrscheinlichkeit, dass du irgendeinen bewussten oder unbewussten Beitrag geleistet hast, dass die andere Person wütend ist, ist hoch. Wenn es also zu einem empathischen Gespräch kommt, dann wirst du nicht darum herum kommen, dich verletzlich zu zeigen. Das heißt zu bedauern, was auch immer du gemacht hast, was das Bedürfnis der anderen Person nicht erfüllte.

Bist du dazu nicht bereit, wertet dein Gesprächspartner deine Aussage wahrscheinlich nicht als empathische Vermutung, sondern als Versuch das Problems ganz auf ihn abzuwälzen: Explosionsstoff.

GFK wird eine Ideologie

Einer der wichtigsten Haltungen der GFK ist meiner Meinung, dass wir unsere Ideologien loslassen und den einzigartigen Menschen und unsere geteilten Grundbedürfnisse ins Zentrum stellen.

Eine Ideologie ist eine bestimmte Vorstellung über die Welt und was richtig ist. Wir haben ein starkes inneres Bedürfnis nach Orientierung und sind es gewohnt, solchen Ideologien zu folgen. So wird auch GFK manchmal zu einer Ideologie:

“Was ist dein Bedürfnis? Sag mir dein Bedürfnis!!”
“Man muss zuerst Empathie geben, bevor man selbst sagt, wie es einem geht.”
“Bedürfnisse müssen von Strategien auseinandergehalten werden.”

Das ist völlig entgegen dem Geist der GFK und Sven Hartenstein illustriert einige dieser Fallen in seinen Comis lustig und anschaulich. 🙂

Wenn wir GFK kennen lernen kommen wir aus einer Welt voller Ideologien. Die Herausforderung ist GFK zu lernen, ohne es zu “ideologisieren” – also es zur absoluten Wahrheit zu machen. Dann steht GFK nicht zwischen uns und trennt uns, sondern verbindet uns.

Was sind einer Ansicht nach die größten Fallen der Gewaltfreien Kommunikation?

Dir hat der Artikel gefallen und kennst jemanden der davon profitieren könnte? Ich freue mich, wenn du den Text mit anderen teilst.

Alles Liebe,
Raphael

Fotos: Depositphotos © elenarostunova, dedMazay

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